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Die jüdische Gemeinde Laupheim und ihre Zerstörung

Gedenkbuch Seiten 71 - 82 

BERGMANN, Max,

 Schillerstraße 13

KARL  NEIDLINGER

Max Bergmann, geb. 9.12. 1879, gest. 1.9.1952, OO Henriette „Henny Stern, geb. 21. 2. 1886, in Hattingen, gest. 8. 1. 1974, NY.
„John Hans, geb. 28. 10. 1908, gest 27. 11. 1996, Media, PA,
Gertrud „Trudl“ , geb. 5. 11. 1911, gest. 5. 12. 2002, Medfield, MA.
 Emigration der gesamten Familie zwischen 1934 und 1939 in die USA.

 

Max Bergmann war das vierte Kind und der zweitälteste Sohn Josef Bergmanns. Er besuchte nach der israelitischen Grundschule ebenfalls die Laupheimer Lateinschule, verließ sie aber schon nach vier Jahren. Dieser frühe Abgang mit rund 14 Jahren, ohne das „Einjährige“, wurde damals häufig gewählt, wenn man einen Beruf erlernen wollte. Max machte eine Friseurlehre und wurde von seinem Vater in die Geheimnisse der Haarveredelung eingeführt. Danach war auch für ihn der Aufbruch in die Fremde angesagt. Sein anschließender USA-Aufenthalt verlief aber wenig erfolgreich, denn 1897 kehrte er nach Laupheim zurück, „ein wenig reicher an Erfahrung und Weisheit, aber genauso arm wie er gegangen war“. Isaac David Einstein, sein Cousin mütterlicherseits, ein erfolgreicher Textilunternehmer in New York, hatte versprochen gehabt, Max beim Start dort behilflich zu sein, was er aber nicht einhielt. So blieb es für den Unternehmersohn bei Gelegenheitsarbeiten auf einer Bowlingbahn oder als Friseurhelfer. Als Max genug Geld für die Rückfahrt in einem Zwischendeck zusammen hatte, reiste er wieder zurück. Erfolgreicher waren seine anschließenden Reisen in Deutschland, wo er Kontakte zu verschiedenen Chemiebetrieben wie der Degussa oder der späteren IG Farben herstellte, die er später regelmäßig pflegte und die für die Firma sehr wichtig waren.

1908 heiratete er Henriette Stern aus Hattingen und wurde danach als gleichberechtigter Teilhaber in die Firmenleitung aufgenommen. Die Stern-Familie war eine in Westfalen alteingesessene jüdische Familie, und Hennys Eltern besaßen ein Herrenbekleidungsgeschäft in Hattingen. Kennengelernt hatten sich Max und Henny fünf Jahre vorher bei der Hochzeit der älteren Schwester Flora Bergmann, die Uhl“ Samuel Stern aus derselben Familie geheiratet hatte. Trotz der Entfernung wurde die Beziehung zu der westfälischen Verwandtschaft gut gepflegt und Henny verbrachte mit den Kindern Hans (geb. 1908) und Trudl (geb. 1911) zwischen 1909 und 1914 jeden Sommer einige Wochen bei den Eltern in Hattingen.





 

„Henny Bergmann, geb. Stern

 

 

Als 1914 der Krieg ausbrach, wurde Max noch nicht sofort eingezogen, da er zurungedienten Reserve“ gehörte, d. h. noch keinen Militärdienst geleistet hatte.

Doch 1915 erhielt auch er den Stellungsbefehl, und die nächsten Jahre verbrachte er überwiegend bei der Feldartillerie an der russischen Front. 1918 kehrte er unversehrt heim und 1919 konnte die Familie endlich das eigene Heim an der Schillerstraße beziehen. Weil um das während des Ersten Weltkriegs erworbene und umgebaute Haus wenig Platz war, kaufte Max Bergmann auf der gegenüber liegenden Straßenseite noch einen Garten dazu. Aus diesem muss er ein wahres Schmuckstück von Blumengarten gemacht haben, denn mehrere Quellen und Zeitzeugen erwähnen ihn, vor allem wegen seiner vielfältigen und bunten Dahlien-Pracht.

 

Der Kommunalpolitiker Max Bergmann

Was Max Bergmann aus allen seinen Brüden und Cousins heraushebt, ist sein großes gesellschaftliches und politisches Engagement in Laupheim über fast dreißig Jahre, gewaltsam und endgültig beendet erst im März 1934 durch die Nazis. Vielleicht waren es seine negativen Erfahrungen in Amerika, die ihn schon bald nach seiner Rückkehr für seine Heimat besonders aktiv werden ließen, vielleicht auch die Umstände, dass er von frühester Jugend an mit Juden und Christen gleichermaßen viele gute Kontakte pflegte oder auch, dass er einen Handwerksberuf erlernt hatte und keinen kaufmännischen, was ihm mehr Bodenständigkeit gab.

Als weiteren Charakterzug Max Bergmanns nennt sein Sohn Hans seine Liebe zur Natur. So ist es kein Zufall, dass der Beitritt zum VVL, zum Verschönerungsverein Laupheim, Max Bergmanns erstes öffentliches Engagement darstellt. Dieser muss bald nach der Jahrhundertwende erfolgt sein. Nach August Schenzinger wirkte der Verein bis dahin mehr im Stillen und mit ßigem Erfolg. Im Jahr 1909 wurde Max Bergmann zum Schriftführer und drei Jahre später zum ersten Vorstand des VVL gewählt. Dieses Amt übte er bis November 1933 aus. Seit dem Jahr 1913 wurden die Laupheimer Straßen mit Alleebäumen bepflanzt, in den 20er Jahren entstand die „Höhenanlage“, ein Stadtpark am höchsten Punkt der Stadt, alles finanziert durch verschiedenste Aktionen des VVL und seines ersten Vorstandes. Die bürokratisch-abstrakt klingende Bezeichnung „Höhenanlage“ ersetzte der Volksmund damals durch den schönen, nun aber vergessenen Übernamen „Max'a Gaarta“. Während des Krieges ruhten die Aktivitäten des Vereins verständlicherweise, was der damalige Stadtschultheiß Schick bedauerte. Er schrieb dem Vorsitzenden an die russische Front, wie sehr die Stadt ihn vermisse, er möge sich doch bitte beeilen, den Krieg gewinnen und so bald wie möglich zurückkehren!

Die Jahresversammlung 1915 des VVL, die am 25. Januar im „Schlüssel“ stattfand, hatte Max Bergmann noch selbst leiten können. Da der Laupheimer Verkündiger“ seine bei dieser Gelegenheit gehaltene Ansprache weitgehend wörtlich abdruckte, wird sie in wesentlichen Auszügen hier wiedergegeben, um die patriotische, ja nationalistische Gesinnung jener Jahre, die selbstverständlich auch die deutschen Juden erfasst hatte, zu dokumentieren:

 „75 unserer Mitglieder stehen im Felde in einem Kriege, den eine Welt von Feinden gegen unser geliebtes Vaterland angezettelt hat. Mutig und mit patriotischem Feuer sind sie dem Ruf zu den Waffen gefolgt, um Haus und Hof vor der verbrecherischen Wut der Feinde zu verteidigen. Der Hilfe unseres Herrgotts und der heroischen Tapferkeit unserer Truppen ist es zu verdanken, daß im Osten wie im Westen der Krieg im feindlichen Land ausgefochten wird und unser Vaterland vor einer feindlichen Invasion bewahrt worden ist. Und obwohl noch nicht ganze Arbeit getan ist, glauben wir heute schon sagen zu können, daß dieser größte aller Kriege einen für uns glücklichen Ausgang nimmt und dafür gesorgt wird, daß wir und unsere Kinder Zeit unseres Lebens vor solchem Unglück bewahrt werden. Aber schreckliche Lücken hat dieser furchtbare Krieg schon in unsere Reihen gerissen . . .“

 
1928: Max Bergmann (links) als Mitglied
des Turnhallen-Bauausschusses, dahinter
Gemeinderat Anton Ganser, rechts Bankdirektor
Richard Heumann und Stadtschultheiß Konrad.

Außer dem Verkehrs- und Verschönerungsverein führte Max auch die von ihm 1911 mitbegründete Laupheimer Ortsgruppe des Roten Kreuzes und im selben Jahr wurde er zum ersten Mal in den Stadtrat gewählt. Er gehörte allerdings nie einer politischen Partei an.

Bei der ersten Gemeinderatswahl nach dem verlorenen Krieg im Mai 1919 kandidierten zwei Mitglieder der Bergmann-Großfamilie: Max Bergmann erhielt bei der Wahl die meisten Stimmen aller 26 Kandidaten, während Elsa Bergmann, die Gattin seines Cousins Marco, den Einzug in das Stadtparlament knapp verfehlte. Sie hatte eine eigene Frauenliste mit zwei Kandidatinnen aufgestellt, doch für die erste Stadträtin war Laupheim, nachdem das Frauenwahlrecht gerade erst eingeführt worden war, offenbar noch nicht reif.

Sein großes soziales Engagement wurde im Krisenjahr 1923 besonders deutlich, als er mit einigen wenigen finanziell besser gestellten Bürgern eine Suppenküche für in Not geratene Mitbürger und Schüler organisierte. Diese versorgte bis zu 150 Schulkinder und 120 betagte Laupheimer mit einer warmen Mahlzeit täglich, bis 1925 bestand diese Einrichtung.

Nach der Hochwasserkatastrophe 1926 startete er eine Hilfsaktion für die Geschädigten, welche 20 000 Mark zusammenbrachte, danach setzte er sich im Stadtrat vehement für die Regulierung der Rottum ein, um solchen Ereignissen künftig vorzubeugen.


Ein Zitat aus John Bergmanns Chronik:


„Nächstenliebe wurde in unserem Haus auch auf einer ganz persönlichen Ebene gepflegt. Weder wurden die zahlreichen, oft sehr unangenehmen Bettler jemals ohne eine passende Gabe, ein Kleidungsstück oder ein Essen weggeschickt, noch ein nichtjüdischer Glückwünscher vor Rosh Hasanah (jüd. Neujahrsfest, d. V.) oder an Weihnachten. In der Woche vor Weihnachten wurden jedes Jahr Körbe vorbereitet und gefüllt mit Hutzelbrotlaiben, Hartwürsten und frischem Weihnachtsgebäck und an die Bewohner des Altenheims und des Armenhauses verteilt. Damit die Familie Max Bergmann ein persönliches Verhältnis zu den Ärmsten der Stadt bekam, mussten die Kinder Hans und Trudl die Dienstmädchen bei der Verteilung begleiten, den Schubkarren mit den Geschenken schieben und bei der Verteilung im Armenhaus helfen. (. . .) Das Wort „Tzedakah“, Nächstenliebe, wurde in unserem Haus nie benutzt, aber immer praktiziert.“
Ganz nebenbei muss noch erwähnt werden, dass Max Bergmann auch im Heimatfestkomitee tatkräftig mitarbeitete, die Ärzteversorgung im Kreiskrankenhaus Laupheim verbesserte, eine große Landwirtschaftsausstellung in der Stadt Ende der 20er Jahre organisierte oder sich um ein Schwimmbad für das noch baggerseelose Laupheim bemühte, was dann aber durch die Ereignisse von 1933 vereitelt wurde. Diese bei weitem nicht vollständige Liste ließe sich noch lange fortsetzen. „Zuhause wurde über nichts außer über Laupheim geredet“, erinnerte sich viele Jahre später John H. Bergmann und es ist sicher kein Zufall, dass der Sohn Max Bergmanns die Geschichte der Familie und der Laupheimer jüdischen Gemeinde erforschen sollte.

 

Zu „Purim“, der jüdischen Fasnet, veranstaltete der Gesangverein „Frohsinn alljährlich einen Ball, zu dem in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg auch ein Programmheft herausgegeben wurde. Darin wurde das Gemeindegeschehen, wie an der Fasnet üblich, auf vielfältige Weise witzig und ironisch kommentiert und auch einzelne Personen wurden nicht verschont. Die im Heft von 1912 abgedruckte Anzeige konnte sich nur auf den Kommunalpolitiker Max Bergmann beziehen.

Am 5. Januar 1933, kurz vor Beginn der  deutschen Katastrophe, feierten Max und Henny bei Verwandten in Chemnitz silberne Hochzeit. Über 150 Glückwunschbotschaften kamen dazu aus Laupheim an, doch noch im selben Jahr sollte das Ende seines gemeinnüt- zigen Engagements in der Stadt erzwungen werden.

 

In der NS-Zeit

Die Gleichschaltung des Laupheimer Gemeinderats verlief etwas zögerlicher als anderswo, doch am 22. Mai 1933 musste Stadtschultheiß Konrad, ein guter Freund Max Bergmanns, ihm mitteilen, dass er seit 1. April dem Stadtrat nicht mehr angehöre. Mit großem Mut erwähnte Konrad bei einem Rechenschaftsbericht im April 1934, anlässlich seines zehnjährigen Dienstjubiläums, zweimal öffentlich die großen Verdienste Max Bergmanns um die Stadt Laupheim.

Dem Verschönerungsverein gehörte die besondere Vorliebe Max Bergmanns, an ihm klebte sein Herzblut. NS-Ortsgruppenleiter Abdon Lemmle schrieb am 28. Nov. 1933 an den zweiten Vorstand Schmid, Lemmles Schwiegervater, dass der NS-Staat es nicht mehr hinnehmen werde, wenn ein Jude weiterhin an der Spitze des Vereins stehe. Daraufhin legte Max das Vorstandsamt nieder und mit ihm traten weitere 24 Mitglieder, nicht alles Juden, aus dem Verein aus. Selbst die Nazi-Presse konnte nach dem Austritt nicht umhin, die Verdienste Bergmanns zu würdigen, denn alles andere wäre zu offensichtlich gelogen gewesen.

Zwischen Oktober 1933 und März 1934 trat Max Bergmann aus folgenden Vereinen und Organisationen aus: Kneippverein, Flottenverein, Schwäbischer Albverein, Geflügelzüchterverein, Schützenverein, Musikverein, Turnverein, Fussballverein, Kriegerverein, Gesangverein Concordia. Sein Sohn Hans, später John, beschrieb in seiner Chronik die Situation folgendermaßen:

„Es war für Max schwer, die vor sich gehende Veränderung zu verstehen. Noch eine Zeit lang besuchte er weiterhin seine bevorzugten Wirtschaften, um alte Freunde zu treffen, doch gegen Ende 1934 wurde deutlich, dass seine Anwesenheit eine Belastung für die Wirte bedeutete, die vielleicht trotzdem noch seine Freunde waren, und manche Stammgäste in Verlegenheit brachte. Er musste erkennen, dass die soziale Isolation der Juden in Deutschland vollständig war.
1937 wurde er einige Tage wegen des Vorwurfs der ,Rassenschande’ in das Laupheimer Gefängnis gesperrt. Irgend jemand hatte ihn fälschlicherweise beschuldigt, eine Beziehung zu einer Angestellten zu haben, was sich als völlig haltlos herausstellte. Die Quelle der Verleumdung wurde nie aufgedeckt.“

Die 1911 geborene Tochter Gertrud, „Trudl“ genannt, verließ Deutschland als eine der ersten aus der Großfamilie Bergmann schon im Mai 1934 und ging nach Spanien. Sie war medizinisch-technische Assistentin und in einer Arztpraxis in München beschäftigt gewesen, in diesem Beruf arbeitete sie auch nach der Emigration in Valencia. 1935 heiratete sie in Madrid den Katholiken Fred Fässler aus Schwäbisch Gmünd. Der Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs 1936 überraschte die beiden auf einer Urlaubsreise in San Sebastian in Nordspanien, und weil Madrid von den Aufständischen bald eingeschlossen war, konnten sie nicht mehr an ihren Wohnort zurück. Ihr gesamtes Hab und Gut war verloren, schließlich konnten sie auf einem britischen Kriegsschiff nach Frankreich entkommen.

Seit Juli 1936 waren sie dann wieder in Deutschland, entweder in Laupheim oder in Schwäbisch Gmünd und warteten auf ihre Ausreisepapiere nach den USA. Glücklicherweise hatten sie ihre Ehe kurz vor den Nürnberger Gesetzen geschlossen, so dass sie im Mai 1937 mit offiziellen Papieren versehen nach New York emigrieren konnten.

Ihr 1908 geborener Bruder Hans, der später die Familienchronik verfassen sollte, aus der die meisten hier dargebotenen Informationen stammen, ging im November 1934 nach New York. Nach seiner Meinung hatte er die problemloseste Auswanderung von allen. Seine Schullaufbahn in den 20er Jahren war, wie seinen eigenen Worten in der Chronik leicht zu entnehmen ist, nicht sehr geradlinig verlaufen. Er besuchte drei weiterführende Schulen und benötigte zwei Jahre länger als die anderen, bis es mit dem Abitur klappte: In der Real- und Lateinschule Laupheim begann seine höhere Schullaufbahn, wurde dort aber ohne Abschluss unterbrochen, in Stuttgart fortgesetzt und in Frankfurt/Main mühevoll abgeschlossen. Vermutlich 1929 schaffte er die Reifeprüfung, um anschließend ein paar mäßig erfolgreiche Semester Chemie an der Uni Frankfurt zu studieren. Damit hätte er die Voraussetzung schaffen sollen, eines Tages in Vaters Fußstapfen zu treten und die technische Leitung der Firma zu übernehmen. Doch dann setzte eine Sinnkrise bei ihm ein, von ihm selbstironisch so beschrieben:

„Den Rest des Lebens in Laupheim zu verbringen, konnte sich der Student immer weniger vorstellen. Möglicherweise viele Jahre mit seinem ungeduldigen und leicht erregbaren Vater und seinen Onkeln zusammen arbeiten zu müssen, erfüllte ihn mit Grausen. Seit er von einem unstillbaren Bierdurst befallen war, bekam seine Idee, Braumeister zu werden, auch gegen den erbitterten Widerstand der Eltern, immer konkretere Züge. Die Familie hatte darauf nur eine Reaktion: ,Jetzt verkommt er vollends ganz’; und im Ochsen in Laupheim hörte man schon die Frage: ,Wann lässt er sich schmadden?’ (jiddisch = taufen, d. V.) Da es nur ganz wenige Brauereien mit jüdischen Besitzern in Deutschland gab, und noch weniger solche mit Töchtern im heiratsfähigen Alter, plante er eine Auswanderung schon mit dem Beginn seines Brauer-Studiums ein.“

 

Hans gab um das Jahr 1931 das Chemiestudium auf und wechselte wirklich auf die Brau-Akademie Weihenstephan, eine Abteilung der Technischen Hochschule München, um seinen „Traumjob Braumeister zu erlernen. In den Semesterferien war, gemäß Bergmann-Familientradition, Wanderschaft angesagt. 1933 arbeitete er in einer Brauerei in Freiberg/Sachsen, wo er bei der Verwandtschaft im nahen Chemnitz heftige antisemitische Ausschreitungen miterleben musste, anschließend bereiste er das Sudetenland möglicherweise kam er da auch nach Pilsen und längere Zeit war er in der Münchener Löwenbrauerei beschäftigt. Im Sommer 1934 schloss er das Studium mit dem Diplom-Braumeister ab, um kurz darauf in die USA zu gehen. Denn dort war die Prohibition erst ein Jahr vorher aufgehoben worden und die Nachfrage nach solchen Fachkräften entsprechend groß. Sein erfolgreicher Hochschulabschluss war nur möglich gewesen, weil für Kinder von jüdischen Weltkriegsteilnehmern eine Ausnahmeregelung bestand: Nur diese durften eine schon begonnene Schule oder eine Ausbildung noch abschließen.

Über die wahren Absichten der Nazi-Regierung den Juden gegenüber hatte Hans Bergmann schon 1933, spätestens aber seit er mit seinem Cousin Fritz Hofheimer die Feierlichkeiten zum Tag von Potsdam in Ulm miterlebt hatte (siehe Seite 96), eine pessimistische und deswegen sich später leider bewahrheitende Meinung. Bestätigt wurde er in seiner Meinung auch durch ein sehr bemerkenswertes Zusammentreffen im Sommer des Jahres 1934, das sich auf dem Bahnhof in Ulm ereignete:

 „Der ranghöchste SS-Offizier in Laupheim war Sturmführer Friedrich Rückert, ein junger Bankangestellter, der mit vielen Juden seiner Altersgruppe persönlich bekannt oder sogar befreundet war. Rückert hegte einen unbegründeten oder auch gerechtfertigten Groll gegen seinen früheren jüdischen Arbeitgeber und wurde ein früher Nazi. Eines Tages im Sommer 1934 sah ich ihn auf dem Ulmer Bahnhof, in der gefürchteten schwarzen Uniform, mit Hakenkreuz, Totenkopf und gekreuzten Knochen, in blitzblanken Reitstiefeln. Ich war sehr nervös und besorgt und versuchte eine Begegnung zu vermeiden, doch Rückert kam auf mich zu, gab mir die Hand und fragte mich nach meinen Emigrationsplänen. Als er hörte, dass ich gerade mein Diplom machte und im Begriff war, das Studium erfolgreich abzuschließen, riet er mir dringend, danach Deutschland möglichst schnell zu verlassen und allen meinen Laupheimer Freunden dasselbe zu empfehlen. Denn ,diese Leute' – er meinte die Nazis – würden ernst machen.

 

Bei den Eltern setzte sich die schmerzhafte Einsicht, dass es für sie in Nazi-Deutschland keine Zukunft geben würde, erst Mitte 1938 durch. Inzwischen durfte der Jude Max Bergmann nicht mehr auf die einst von ihm bezahlten Parkbänke in dem von ihm angelegten Stadtpark sitzen, aufgehetzte Hitlerjungen durften den einstmals angesehensten Bürger auf der Straße anpöbeln und seine Angestellten in der Firma durften nur noch über Mittelsmänner, nicht mehr direkt mit ihm in Kontakt treten. Doch bevor die Emigration möglich war, mussten sie noch die Pogromnacht am 9. November 1938 erleben. Max wurde wie die anderen jüdischen Männer von SA-Leuten aus dem Haus gezerrt, musste die Zerstörung der Synagoge mit ansehen, während durch die Schlafzimmerfenster zu Hause, wo Henny völlig schutzlos und allein war, von der benachbarten Schreinerei Mann große Steine geschleudert wurden. Die verhafteten jüdischen Männer wurden am nächsten Tag ins KZ Dachau gebracht, aus dem Max sechs Wochen später, am 14. Dezember, als letzter aus der Bergmann-Familie wieder freikam.

Unter den deutsch-jüdischen Emigranten in New York war am Morgen des 10. November 1938, als die Nachricht von der Pogromnacht in der Zeitung stand, eine unbeschreibliche Panik“ ausgebrochen, die sich noch steigerte, als die ersten persönlichen Nachrichten aus Deutschland eintrafen. Die Bergmanns in New York erfuhren über Onkel Max Biedermann aus Winterthur, was in Laupheim geschehen war. Dieser hatte extra einen seiner Angestellten mit Schweizer Pass nach Laupheim geschickt, und die Lage erkunden lassen. Als bekannt wurde, dass in den KZ eingesperrte Personen, die Ausreisepapiere oder ähnliches vorweisen konnten, eher wieder frei kamen, unternahm auch John Bergmann heftige Anstrengungen, schneller an solche Papiere für seine Eltern zu kommen, vergeblich.

„Die Zeit und das Einkommen gingen drauf für Konsulatsbesuche, Krisentreffen und Telegrammkosten“. Das Stuttgarter US-Konsulat gab stets dieselbe Auskunft: Max und Henny Bergmann seien für Februar oder März 1939 vorgemerkt für eine Emigration, eine Beschleunigung oder Vorziehung sei nicht möglich.

„Wenn man (in New York, d. Verf.) in Erfahrung brachte, dass jemand aus Laupheim ankommen würde, ging jeder, der Zeit hatte, zum Hafen, um die Person willkommen zu heißen. Einer der ersten, der nach der KZ-Haft ankam, war Dr. Josef (Seppl) Friedberger. Er sah entsetzlich aus, mit kahl geschorenem Kopf, er war direkt aus dem Konzentrationslager gekommen. Sein Bericht war nicht beruhigend: Die Behandlung sei brutal und demütigend, doch wer den Strapazen standhalten könne, habe eine gute Überlebenschance. Kranke Menschen seien aber sehr in Gefahr.“
Max und Henny Bergmann verbrachten nach der Entlassung aus Dachau noch gut vier Monate in Laupheim, bis sie emigrieren konnten. In dieser Zeit stand der Verkauf der Firma an, ebenso wie die Liquidation des privaten Vermögens. Die jüdische Gemeinde zählte nun mehr als hundert arbeitslose Mitglieder, die unterstützt werden mussten, und zahlreiche auswärtige Juden mit Wurzeln in Laupheim kehrten mittellos zurück, auf Unterstützung angewiesen.

Als Mitglied des Gemeindeausschusses und der Bruderschaft „Talmud Thora“ (Chevra) half Max hier tatkräftig mit.Bei der Liquidation der Firma und des Privatvermögens wurde immer offensichtlicher, dass der NS-Staat es auf eine vollkommene Beraubung der Emigranten anlegte. Eine Steuer nach der anderen, wie beispielsweise die Reichsfluchtsteuer oder die Grünspan-Steuer, wurde erhoben und eingetrieben, die Möglichkeiten zum Kapitaltransfer immer weiter eingeschränkt, lediglich die Möbel konnte die Familie noch teilweise mitnehmen.

Diese
wurden
am 9. März unter Aufsicht eines Zollbeamten verpackt, der es aber nicht versäumte, vorher noch alle Polstermöbel bei der Suche nach versteckten Wertgegenständen aufzuschlitzen. Am 21. März wurde das übrige Eigentum unter Aufsicht verpackt, jedoch Schmuck und Edelmetall dabei beschlagnahmt. Am 22. März unterzeichnete Max auf dem Rathaus den Verzicht auf die Firma Bergmann und einen Tag später verließen Max und Henny Bergmann in Friedrichshafen Deutschland Richtung Schweiz, wo sie sich von den Verwandten noch verabschieden wollten, „mit je 4 Dollar in der Tasche, seelisch gebrochen, gesundheitlich schwer mitgenommen, um Deutschland nie wieder zu sehen.“

Der
Sohn eines entfernten Nachbarn erinnert sich noch, wie ein völlig gebrochener und verzweifelter Max Bergmann einige Tage vor der Emigration in der Nachbarschaft versuchte, einige Gartenmöbel zu verkaufen. Er war inzwischen völlig mittellos und hoffte auf diese Weise zu etwas Bargeld für die Ausreise zu kommen. Bei dem Vater des ungenannt bleiben wollenden Zeitzeugen hatte er dann auch Erfolg und dieser nahm Bergmann die Möbel zu einem nicht bekannten Preis ab.

 

Neuanfang in den USA

In New York fand Max zunächst in einer Perückenfabrik in Harlem für 12 Dollar Wochenlohn eine schlecht bezahlte, primitive Arbeit. 1944, mit 65 Jahren, machte er sich mit geliehenem Geld und einer kleinen Haarveredlungs-Firma selbstständig, doch wenn nicht sein Cousin Marco, der erfolgreicher gestartet war und dessen Firma auf der gegenüberliegenden Straßenseite lag, die meisten seiner Produkte abgenommen hätte, wäre das Geschäft bald wieder eingegangen. Fünf Jahre konnte er so arbeiten und ein bescheidenes Einkommen erwirtschaften, doch 1949 musste er krankheitshalber aufgeben. Sein großzügiger Cousin Marco bezahlte ihm weiterhin eine kleine Privatrente, die kaum zum Leben reichte.

Es war vor allem das Heimweh nach Laupheim und die anonyme Großstadt New York sowie auch die Tatsache, dass er ein armer Mann war, die Max Bergmann krank machten. Heimweh sprach aus allen seinen Briefen an seine ehemaligen Freunde in Laupheim und immer stärker wurde der Wunsch, wenigstens noch ein paar Monate in seiner Heimatstadt verbringen zu können. „Dabei übersah er vollständig, dass sich so vieles in Laupheim geändert hatte, dass viele seiner Freunde gestorben oder in die Verbrechen gegen ihn und sein Volk verwickelt gewesen waren.“ Doch all das hielt ihn nicht davon ab, seine Rückkehr zu planen, als 1950 die Restitutionsverhandlungen um sein Haus und den auf der anderen Straßenseite liegenden, geliebten Garten begannen.

Am 29. Mai 1951 wollten Henny und Max Bergmann per Schiff zu einem zunächst dreimonatigen Europa-Aufenthalt starten. Die Fahrt war gebucht, die Papiere in Ordnung, und der geschäftlich schon in Laupheim weilende Bruder Marco berichtete in einem Brief vom 22. Juni, dass die bevorstehende Rückkehr Max und Henny Bergmanns das Tagesgespräch in Laupheim sei. Er fragte an, ob es stimme, was erzählt werde: Wollten sie beide ihren Lebensabend tatsächlich dort verbringen? Mit diesem Vorhaben wären sie die Einzigen aus der jüdischen Gemeinde Laupheim gewesen, denn keiner der Überlebenden des Holocaust kehrte nach dem Krieg dauerhaft zurück.

Doch die beiden konnten die Reise nicht mehr antreten, der Arzt verbot es Max. Ein Jahr später, am 1. August 1952 starb Max Bergmann 72jährig bei New York, sechs Wochen nachdem sein Cousin Marco bei einem tragischen Verkehrsunfall in der Nähe von Dellmensingen ums Leben gekommen war.

Leichter als der Vater und auch leichter als die meisten seiner Cousins hatte es der Sohn Hans bei seinem Anfang in New York. Drei Stunden nach seiner Ankunft in Amerika 1934 hatte er bereits einen Job in einer New Yorker Brauerei. Doch bis zum Braumeister musste auch er sich mit harter körperlicher Arbeit hocharbeiten. Bei den stark deutsch dominierten New Yorker Brauereien gab es damals nicht wenige antisemitische Nazi-Sympathisanten, viel mehr als in jeder von ihm kennengelernten deutschen Brauerei, die solches zu verhindern suchten. John heiratete Elsie Guggenheim aus Pittsburgh, deren Vater Jonas aus Laupheim stammte und ein Freund seines Vaters war. Zwei  Kinder, Barbara und Kenneth Joseph, gingen aus der Ehe hervor.



John Hans Bergmann und seine Eltern 1945.

Im Juni 1942 wurde John H. Bergmann zur US-Army eingezogen. Nach Stationierungen in verschiedenen Ländern während des Zweiten Weltkrieges meldete er sich im Mai 1944 zur Teilnahme an der Invasion in der Normandie. Im Kampf gegen Hitler- Deutschland wurde er im Herbst 1944 bei Aachen schwer verwundet. Die vollständige Genesung nahm ein ganzes Jahr in Anspruch, so dass er erst im November 1945 mit zahlreichen Auszeichnungen versehen wieder ins zivile Leben zurückkehren konnte. Sein weiteres Berufsleben führte ihn in Brauereien auf der ganzen Welt. Nach seiner Pensionierung im Jahre 1975 begann John Hans Bergmann die Familiengeschichte umfassend zu erforschen und festzuhalten. Ohne sein 1983 vollendetes Werk The Bergmanns from Laupheim wäre diese Darstellung hier nicht möglich gewesen. So hat sich dank seiner Arbeit sein pessimistisches Schlusswort, auf das Lebenswerk seines Vaters Max bezogen, nicht erfüllt: Die Verdienste des Kommunalpolitikers Max Bergmann und der ganzen Familie sind in Laupheim nicht vergessen, wie sein Sohn noch 1983 befürchtete.

 

Ernst Schäll und John H. Bergmann auf dem dischen Friedhof in Laupheim, 1989.


Quellen:

John Bergmann, The Bergmanns from Laupheim, 1983

Fotos: J. Braun, Alt-Laupheimer Bilderbogen II, S.  65, Archiv Ernst Schäll, Staatsarchiv Sigmaringen, 65/18 T4, Nr. 13-17, Laupheimer Verkündiger.

Nachtag:

Über den Link sind rund 1500 Dokumente aus dem Archiv von John H. Bergmann online abrufbar.

Link zum Online Archiv John H. Bergmann Collection 1810 - 1991

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