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Die jüdische Gemeinde Laupheim und ihre Zerstörung

Gedenkbuch Seiten 141 - 152 

EINSTEIN, Arthur Emil,

Tabakwaren, Marktplatz 4

 

DR . UDO BAYER / DR . ANTJE KÖHLERSCHMIDT

Arthur Emil Einstein, geb. am 19. 4. 1865 in Laupheim, gest. am 23. 6. 1940 in Laupheim, OO Mathilde, geb. Einstein, gesch. Wallersteiner, geb. am 30. 11. 1865 in Laupheim, gest. am 27. 3. 1940 in Laupheim.
    Hertha, geb. am 5. 6. 1895 in Laupheim, gest. 1993 in New York, OO Dr. Erich Nathorff, geb. 1885, gest. 1954 in New York, USA,
    Heinz Nathorff, geb. 10. 1. 1925 in Berlin, gest. 1988 in New York, USA,
    Sophie Einstein, geb. 2. 2. 1902 in Laupheim, 1938 Emigration nach New York, USA, OO Martin Pauson, geb. 7. 1. 1897 in Göttingen, 1938 Emigration nach New York, USA,
   Elsbeth Einstein, geb. 8. 6. 1906 in Laupheim, 1939 Emigration in die USA, OO Dr. Otto Treitel, geb. 16. 5. 1887 in Karlsruhe, gest. 8. 10. 1949 in Philadelphia, USA


Arthur und Mathilde Einstein, 1934.

Das Ehepaar Arthur und Mathilde Einstein gehörte zu den Laupheimer Juden, die in Laupheim geblieben waren, aber die De portation nicht mehr erleben mussten, da sie beide noch vor der Zwangsumsiedlung in die Wendelinsgrube starben. Ihre Lebensumstände nach 1933, die zunehmende Diskriminierung und Entrechtung, das Ende einer wohlsituierten bürgerlichen Existenz, hat ihre älteste Tochter Hertha Nathorff in ihrem Tagebuch bei Gelegenheit ihrer Laupheimbesuche festgehalten. Unter dem Titel „Das Tagebuch der Hertha Nathorff, Berlin New York, Aufzeichnungen 1933 bis 1945“ wurde es 1988 im Fischer Taschenbuch Verlag in Frankfurt am Main publiziert und ist für uns heute eine wichtige Quelle aus der Sicht der Betroffenen.

 Wohn- und Geschäftshaus am Marktplatz 4.

 

Das Geschäft der Familie

Die geschäftliche Existenz dieser Einstein-Familie hatte vermutlich Emil Einstein, der Vater von Arthur Einstein, mit einem Rauchtabak-, Zigarren- und Zigarettengeschäft begründet. Als Emil Einstein, erst 46jährig, bereits 1879 starb, ließ er seine Frau mit sechs Kindern zurück. Arthur war zu jener Zeit 14 Jahre alt. Laut amtlicher Bekanntmachung des Amtsgerichts Laupheim am 18. Januar 1879 im „Laupheimer Verkündiger“ führte Sophie Einstein zunächst das Geschäft fort. Später übernahm es Arthur, der es am Schluss gemeinsam mit seinem Schwiegersohn Martin Pauson leitete. Die drei Inhaber behielten den Namen des Begründers „Emil Einstein“ bei und ergänzten es um „& Co.“, was für Kompagnon steht.

Das Geschäft befand sich in dem sehr repräsentativen Gebäude am Marktplatz 4, was das Foto aus den zwanziger oder dreißiger Jahren des 20. Jhs. trotz fehlender Schärfe durchaus widerspiegelt. Mit regelmäßigen Annoncierungen im „Laupheimer Verkündiger“ machten die Inhaber Reklame für ihr Warensortiment und sorgten für regen Absatz ihrer Produkte. Die Annoncen aus dem „Laupheimer Verkün- diger“ belegen dies. Ganz gezielt wurde auch anlässlich christlicher Feiertage mit dem entsprechenden Hinweis wie in der abgebildeten Anzeige „Wir empfehlen als willkommene Festgeschenke“ geworben. Da diese am 5. Dezember 1925 erschienen war, galt die Empfehlung dem Weihnachtsfest. Darüber hinaus boten die Geschäftsinhaber auch Zigarren, Zigaretten und Rauchtabake für Wiederverkäufer an, was nach Augenzeugenaussagen in den umliegenden Ortschaften gerade in den schwierigen Zeiten der Weimarer Republik genutzt wurde, um zusätzliche Einnahmen zu erzielen. Bekannt wurde dabei, dass Arthur Einstein die Zahlung der Rauchwaren bis zu ihrem vollständigen Verkauf stundete, was vor allem den mittellosen Wiederverkäufern den Abschluss von Geschäften ermöglichte. Jahrzehnte behaupteten sich die Inhaber in Laupheim erfolgreich und waren namhafte Steuerzahler der Gemeinde.

Nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 31. Januar 1933 folgte in relativ kurzer Zeit massive antijüdische Hetze und wurde zugleich der Prozess der Gleichschaltung rasch und konsequent in Gang gesetzt, so dass er auch bald in Laupheim seine Spuren zeigte. Wie überall in  Deutschland, wo Juden lebten und arbeiteten, zogen am 1. April 1933 SA-Leute in Uniform vor den Geschäften jüdischer Inhaber auf, so in Laupheim unter anderem vor dem Geschäft „Emil Einstein & Co.“, wie das folgende Foto vom Aprilboykott beweist.

Erste Maßnahmen zielten auf den Entzug der Existenzgrundlage jüdischer Familien hin, die untergraben wurde, indem Kunden von Einkäufen abgehalten werden sollten.

        

 („Laupheimer Verkündiger“, 5. Dez. 1925)


Im Verlauf der folgenden Jahre wurden die Repressalien massiver, so dass Arthur Einstein nach Berichten seiner Tochter Hertha Nathorff-Einstein in ihrem Tagebucheintrag vom 24. April 1938 zu der von ihr beschriebenen Auffassung kam: 

„Wir waren in Süddeutschland, in meiner kleinen Heimatstadt. Viele jüdische Geschäfte sind verkauft, die Inhaber ausgewandert, die Häuser der Katholiken sind mit unflätigen Worten beschmiert, die Straßen besudelt, die Leute wagen nicht mehr zu grüßen. Vater sagt, er will die Firma nicht verkaufen. Der Name – er soll mit uns untergehen. Der alte Mann hat recht – was durch Generationen in Ehren und Ansehen bestanden hat, die Nazis sollen es nicht in ihre beschmutzten Hände nehmen dürfen. (. . .)“
Boykott des Tabakwarengeschäfts  Einstein am 1. April 1933.

 

Dem Willen des alteingesessenen jüdischen Laupheimers Arthur Einstein stand die Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben vom 12. November 1938“, Reichsgesetzblatt 1938, Teil I, S. 1580, die ab 1. Januar 1939 jegliche Geschäftstätigkeit unterband, gegenüber. Die Gemeinderatsprotokolle der Stadt Laupheim spiegeln nicht nur die rasche Umsetzung des von den Nationalsozialisten erlassenen Gesetzes wider, sondern zeigen auch die Bemühungen von Hitlers kleinen Profiteuren auf lokaler Ebene, das Geschäftshaus mit rückwärtigem Garten unter Wert zu erschleichen.

Gemeinderatsprotokoll der Stadt Laupheim:

„Ein weiterer laufender Arisierungsfall ist das Tabakwarengeschäft Einstein. Einstein habe zunächst das Geschäft mit Wohnung an Fritz Nothelfer verpachtet. Die zuständige Fachgruppe habe sich jedoch auf den Standpunkt gestellt, dass das Tabakgeschäft eingehen soll. Deshalb kam die Arisierung nicht zustande. Trotzdem wollte aber Nothelfer bzw. dessen Schwiegervater A. B. das Haus nach wie vor kaufen. Nun interessiere sich für das Geschäft noch Hans Reinhalter, der sein Zigarrengeschäft von der Radstraße in das in günstiger Geschäftslage stehende Einsteinsche Haus verlegen möchte. Dem würde von der zuständigen Fachgruppe wahrscheinlich nichts in die Wege gelegt werden, weil hier nur eine Geschäftsverlegung der gleichen Branche in Frage kommen würde. Ferner habe sich Otto Schlichthärle, Inhaber eines Schuhwarengeschäfts, als Kaufliebhaber (!) gemeldet. Dem Schlichthärle sei schon früher sowohl von den örtlichen Parteidienststellen als auch von ihm (dem Bürgermeister) eine Unterstützung in dieser Sache zugesagt worden. Da für das Einsteinsche Haus noch weitere Kaufliebhaber da sind, habe er dem Eigentümer Einstein erklärt, dass die Stadt das Haus kaufen werde. Der Stadt bleibe es dann unbenommen, dasselbe weiterzuverkaufen. Nach wie vor sei er aber der Meinung, dass Schichthärle dann zum Zug kommen soll. . .“

Der Landrat in Biberach beauftragte am 6. Januar 1939 Josef Hänle in Laupheim mit der Abwicklung des Verkaufs dieses alteingesessenen Geschäfts, die unverzüglich vorzunehmen sei. So war Arthur Einstein schließlich am 3. März 1939 gezwungen, sein Geschäfts- und Wohnhaus an Theresia Schlichthärle zu verkaufen, die Mutter des oben genannten Otto Schlichthärle. Nach 1945 unterlag dieser Verkauf der Restitution, d. h. der Wiedergutmachung, die von der französischen Besatzungsmacht in ihrem Zuständigkeitsbereich betrieben wurde. Das Ergebnis dieser Restitution war hier nicht zu ermitteln.

 

Zur Familie

Arthur Einstein gehörte wie seine Frau Mathilde zur weit verzweigten vierten Generation der Einstein-Nachfahren in Laupheim, die alle auf Leopold und Esther Einstein zurückgingen.

Die Gemeinsamkeiten der Eheleute beschränkten sich nicht nur auf die Zugehörigkeit zur Einstein-Verwandtschaft, sie waren Cousin und Cousine, beide wurden im Jahr 1861 geboren, waren in Laupheim aufgewachsen und teilten natürlich ihre Religionszugehörigkeit.

Am 7. Juni 1892 heirateten sie in Ulm, was heute etwas ungewöhnlich erscheint, zumal sie beide aus Laupheim stammten.

Dem Paar wurden fünf Kinder geboren, wovon das erste Mädchen 1893 tot geboren wurde und ein Junge namens Ernst Emil 1898 bereits zehn Tage nach seiner Geburt verstarb. Die anderen drei Mädchen, Hertha, geboren am 5. Juni 1895, Sophie, geboren am 2. Februar 1902, und Elsbeth, geboren am 8. Juni 1906, wuchsen in Laupheim auf und besuchten hier auch die jüdische Volksschule. Sie verbrachten ihre Kindheit in ihrem Elternhaus am Marktplatz 4 in einer für das assimilationsbereite, wohlhabende jüdische Bürgertum um die Jahrhundertwende typischen Umgebung, die vom Bildungswillen und Sinn für Kultur geprägt war.

Sophie

Von ihr gibt es sogar ein frühes Foto aus dem Jahr 1909, das sie im Alter von etwa sieben Jahren zeigt. Der Ausschnitt stammt aus einem Klassenfoto der israelitischen Volksschule Laupheim mit ihrem Lehrer Bernhard Sichel. Viel war dann über ihr Leben im Weiteren nicht mehr in Erfahrung zu bringen. Eine Verlobungsanzeige aus dem Laupheimer Verkündiger“ vom 10. September 1925 meldet ein Heiratsversprechen von Martin Pauson und Sophie Einstein, was mit der Eheschließung am 28. Mai 1926 in Laupheim Erfüllung fand. Der Schwiegersohn zog nach Laupheim und trat in das Familiengeschäft ein, wo er Teilhaber wurde. Die Ehe von Sophie Einstein und Martin Pauson blieb kinderlos. Beiden gelang ebenso wie der Familie ihrer Schwester Hertha im Jahre 1938 die Emigration in die USA. Das Foto auf der nächsten Seite zeigt sie kurz vor ihrer Abreise.


 Israelitische Volksschule 1909. V. l.: Hermine Wertheimer,

Sophie Einstein, Poldile Friedberger.


Elsbeth

Über die jüngste der drei Einstein-Töchter ist noch weniger bekannt. Ihre Heirat am 29. Juli im Jahre 1934 war die letzte in der jüdischen Gemeinde Laupheims. Ihr weiterer Lebensweg war natürlich eng mit dem ihres Mannes Dr. Otto Treitel verbunden, der im Gedenkbuch unter dem Artikel „Rabbiner-Familie Treitel“ beschrieben wird.

 

Hertha Nathorff-Einstein, ihr Sohn Heinz, ihre Schwester

Sophie mit ihrem Ehemann Martin Pauson.

 

Hertha Nathorff-Einstein

Die Quellenlage zu ihrem Leben ist im Gegensatz zu ihren beiden jüngeren Schwestern sehr umfangreich. Nicht nur das am Anfang des Artikels erwähnte Tagebuch, sondern auch einige Briefe und ein Fernsehfilm aus ihrem Todesjahr 1993 sind wichtige Dokumente, in denen Hertha Nathorff-Einstein ihr Leben reflektierte. Zudem gehörte sie aufgrund ihrer publizistischen Tätigkeit nach ihrer Emigration in New York zu den bekanntesten Überlebenden der Laupheimer jüdischen Gemeinde. Ihr wechselvoller Lebensweg kann in vielem als beispielhaft für das Schicksal des jüdischen Bürgertums in Deutschland stehen. Am Schicksal ihrer Familie lässt sich nachvollziehen, wie es mehrheitlich demjenigen Teil der deutschen Juden erging, dem es noch gelang, der physischen Vernichtung zu entrinnen und welche Drangsal dem nur zögernd gefassten Entschluss, Deutschland zu verlassen, vorausgegangen war und welche Schwierigkeiten sich den ins Exil Getriebenen in ihrer neuen Heimat entgegenstellten.

Doch zunächst sollte der Blick noch einmal zurückgehen. Hertha berichtete über die Zeit ihrer Kindheit in Laupheim über die Koexistenz von Christen und Juden in Laupheim. Freundschaftliche Beziehungen ihrer Familie zu Angehörigen anderer Konfessionen wurden gepflegt und christliche Feste mitgefeiert. In einem in Amerika geschriebenen Gedenkbüchlein für ihren Mann drückte sie ihr Verhältnis zu anderen Konfessionen so aus, dass sie ihr Jüdin-Sein nie verleugnen würde oder gar Religionen mit jeweils einem verschiedenen Gott für jede Religion nein, das könne sie nicht glauben. Die starke Identifikation des deutsch-jüdischen Bildungsbürgertums mit der deutschen Kultur und vor allem mit der literarischen Tradition der Klassik zeigt sich in der aus der rückschauenden Erinnerung gewählten liebevollen Umschreibung des Bücherschranks als „Hausaltar“ mit derviel bändigen kostbaren Weimarer Goethe-Ausgabe und all der Literatur, die wir beide mit der Liebe und sorgfältigen Auswahl des Sammlers in all den Jahren zusammengetragen haben“.

Bildung spielte im Einsteinschen Elternhaus eine große Rolle. Ihr Vater Arthur hatte bereits die Realschule mit Lateinabteilung in Laupheim besucht. Seine älteste Tochter sollte auf Anregung Professor Flaigs seinem Beispiel folgen.

 





Herta Nathorff-Einstein
in einem Brief vom 21. Januar 1986

„. . . Die Stille und Schönheit des Sommerabends genießend, saßen Professor Flaig und meine Eltern in unserem Garten, während ich Elsbeth Flaig etwas bei den Schularbeiten half. Plötzlich sagte Professor Flaig zu meinem Vater: ,Wenn Elsbeth eine so gute Schülerin wäre, würde ich sie in unsere Lateinschule schicken.’ ,In die Lateinschule, unsere Herthel?’ ,Ja, wenn das möglich wäre’, sagte mein Vater – lebenslang ein begeisterter Lateiner. ,Latein putzt den Kopf’, sagte er oftmals. ,Versuchen  Sie es doch’, sagte Professor Flaig, ,ich hätte sie gerne als Schülerin’. Meine Mutter, die sich kaum je in Männergespräche einmischte, sagte schnell: ,Reden  Sie meinem Mann nicht solchen Unsinn ein. Unser Wildfang muß nächstes Jahr in ein Pensionat in die Schweiz gehen, wo sie Französisch  lernen muß und  gesittete Manieren, die  ich  unserer wilden Hummel nicht beibringen kann.’ Alle lachten, und das Thema wurde dann schnell gewechselt.  So war ich völlig überrascht, als mein Vater mir am Ende der Sommerferien sagte, dass ich im September werde in die Lateinschule gehen müssen. Er hatte also stillschweigend die Umschulung veranlaßt.

Mir  erschien das Ganze mehr erheiternd, und ohne Zögern trat  ich mit Schülern, die ich bereits kannte, den Weg in die Rabenstraße,  d.h. in die Lateinschule an. Die Professoren – wohl von Professor Flaig vorbereitet – begrüßten mich genauso herzlich, wie sie die Buben begrüßten, aber als das bekannt wurde, dass das Mädle in die Bubenschule geht, war unter Laupheimern ein großer Aufruhr. Viele Leute waren begeistert von dem Fortschritt, mehr waren empört, daß das Mädle in die Knabenschule geschickt wurde. Selbst der Herr Oberkirchenrat, unser höchster katholischer Geistlicher, ein langjähriger Schachpartner meines Vaters, eröffnete ihm, dass er nicht mehr mit ihm spielen werde, weil er seine Tochter in die Knabenschule schicke und also der Unmoral Vorschub leiste. Ich hörte diese Worte, als mein Vater sie meiner Mutter erzählte. Meine Mutter triumphierte wohl innerlich, und ich hörte ihre Antwort zu meinem Vater: ‚Also so weit musste es kommen!’“

Dass Hertha als erstes Mädchen in Laupheim die Realschule mit Lateinabteilung besuchte, blieb auch den Stuttgarter Behörden nicht verborgen, die noch im gleichen Jahr die Koedukation verboten und anwiesen, dass sie die Schule zu verlassen habe. Den Rest des Schuljahres verbrachte Hertha wieder auf der Volksschule und lernte daneben fleißig den Stoff der Lateinklasse, den ihre Schulkameraden brachten und mit ihr übten. Im folgenden Schuljahr meldete Arthur Einstein seine Tochter erneut für die Lateinklasse an. Hertha verbrachte dann in ihr die folgenden vier Schuljahre, nach deren Abschluss sie auf ein Ulmer Gymnasium wechselte, wo sie ihr Abitur ablegte. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges fiel in ihr Abschlussjahr. Viele ihrer Klassenkameraden meldeten sich nun freiwillig zum Militärdienst. Als einer von ihnen jedoch zu Hertha sagte: Jetzt siehst du, dass du nur a Mädle bist“, entschloss sich Hertha, statt des ursprünglich geplanten Musik- und Literaturstudiums Medizin zu studieren.

 

 Hertha Einstein mit ihrer Ulmer Abiturklasse vor Goethes Gartenhaus in Weimar.


Ihre Studienjahre verbrachte sie in Heidelberg und Freiburg. 1923 wurde sie leitende Ärztin eines Entbindungs- und Säuglingsheims des Roten Kreuzes in Berlin. Im gleichen Jahr heiratete sie in Berlin-Charlottenburg Dr. Erich Nathorff, mit dem sie in Berlin gemeinsam eine Privatpraxis führte. Am 10. Januar 1925 wurde ihr einziges Kind Heinz Nathorff geboren.

  

(Laupheimer Verkündiger“, 1923)

Wie ihre Eltern in Laupheim bekam das Ärzteehepaar Nathorff im April 1933, als es zu den im ganzen Deutschen Reich inszenierten Boykott jüdischer Geschäfte, Anwaltskanzleien und Arztpraxen kam, die Diskriminierungen zu spüren, die sie in ihrem Tagebuch schilderte. Im September 1938 wurde mit der 4. Verordnung zum Reichsbürgergesetz, die die sogenannten Nürnberger Gesetze aus dem Jahr 1935 durch immer perfider ausgeklügelte Zusätze ergänzten, den jüdischen Ärzten die Approbation entzogen. Sie durften nun nur noch Juden behandeln. Im August 1938 reichten die Nathorffs beim amerikanischen Generalkonsulat die Bürgschaftserklärung ein, um ihre Emigration voranzutreiben. Das Affidavit hatten sie von Carl Laemmle erhalten, der ein Verwandter väterlicherseits war. Doch bevor sie Deutschland verlassen konnten, befahlen die Nazis nach dem Attentat des 17jährigen Juden Herschel Grünspan auf den deutschen Gesandtschaftssekretär vom Rath in Paris deutschlandweit in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 ein Pogrom, bei dem Dr. Erich Nathorff in Berlin verhaftet und wie die siebzehn jüdischen Laupheimer Männer ins Konzentrationslager nach Dachau gebracht wurde. Erst nach fünf Wochen Haft, in denen Frau und Sohn um sein Leben bangten, wurde er entlassen.

 

Hertha Nathorff-Einstein, Tagebucheintrag vom 16. Dezember 1938:
„Mein Mann ist zurückgekehrt. Plötzlich überraschend, aber wie? Den Bart haben sie ihm abrasiert, die Haare wachsen spärlich nach, grau. Es tut nichts. Auch in meinem Haar glänzen die ersten Silberfäden. Nicht das Alter hat sie gebleicht. Mein Mann ist zurückgekehrt: Hauptsache, er lebt, er ist da! ,Es geht mir gut, und es ging mir gut. Und nun frage nicht weiter’, sagt er.
Ich weiß ja, sie haben vor der Entlassung unterschreiben müssen, nichts zu erzählen, und ich frage nichts. Ich sehe nur seine blaugefrorenen, zerschundenen, wunden Hände. [. . .]“
 

Ein letztes Mal besuchten die Nathorffs Mitte April 1939 in Laupheim ihre engsten Verwandten und nahmen Abschied von ihren Lieben sowie ihrem Ort der Kindheit und Jugend. Die lebensrettende Emigration begann am 27. April 1939 mit der Abreise aus Berlin nach Bremerhaven.

Doch wie sah der Neubeginn 1940 in New York aus? Carl Laemmle, der ihnen das Affidavit gegeben hatte, war gestorben. Die deutschen Arztexamina wurden in den USA nicht anerkannt, deshalb musste Dr. Erich Nathorff sich intensiv auf die amerikanischen Prüfungen vorbereiten, während dessen Hertha den Unterhalt und das Geld für eine Praxisgründung durch schlecht bezahlte Gelegenheitsjobs verdiente. Als 1940 kurz nacheinander ihre in Laupheim gebliebenen Eltern Arthur und Mathilde Einstein starben, traf sie das schwer.

Ihr Mann legte das amerikanische Medizinexamen erfolgreich ab und eröffnete Anfang 1941 eine eigene Arztpraxis. Hertha wurde seine Sprechstundenhilfe. Versuche, das notwendige Medizinexamen ebenfalls nachzuholen, scheiterten nicht zuletzt am Widerstand ihres Mannes. Besonders tragisch erscheint dabei der relativ frühe Tod von Erich Nathorff 1954.


Hertha Nathorff-Einstein, ihr Vater Arthur Einstein, ihre Schwester Sophie Pauson geb. Einstein,
ihr Sohn Heinz Nathorff, der Ehemann ihrer Schwester, Martin Pauson,
ihre Mutter Mathilde Einstein geb.
Einstein, ihr Ehemann Erich Nathorff.

 

Hertha fand zwar andere Betätigungsfelder, dennoch verwand sie nie, in den USA nicht mehr als Ärztin gearbeitet zu haben. In gewisser Hinsicht war ihr auch die neue Heimat immer ein wenig fremd geblieben. Dennoch engagierte sie sich sozial. Im Rahmen des New World Club, der sich um Emigranten kümmerte, war sie in der psychologischen Betreuung tätig. Hertha gehörte der Alfred Mental Hygiene Clinic“, der Virchow Medical Society und der Association for the Advancement of Psychotherapy an. Darüber hinaus war sie publizistisch für Zeitungen tätig und hielt deutschsprachige Rundfunkvorträge. Zu ihrem 60. Geburtstag

1955 umschrieb ein Artikel im Aufbau“, der Zeitung der jüdischen Emigranten in New York, ihre Doppelexistenz knapp und treffend so: Charwoman during the day, Chairwoman at night (Tagsüber Putzfrau, abends Vorsitzende.“) Ihr vielfältiges ehrenamtlich-kulturelles Engagement wurde auch durch die Bundesrepublik Deutschland mit der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes 1967 gewürdigt. Deutschland hat sie jedoch nie wieder besucht, dennoch hatte sie Kontakte, die sich zum Beispiel durch die Veröffentlichung ihres Tagebuches durch Wolfgang Benz ergaben, gepflegt.

Hertha Nathorff-Einstein ergriff 1986 sogar im hohen Alter von 91 Jahren die Initiative und richtete einen Brief an Bürgermeister Otmar Schick, in dem sie einen Geldbetrag für einen von ihr geplanten Preis für das beste Abitur ankündigte. Seit 1987 wird dieser nun jährlich an die beste Abiturientin bzw. den besten Abiturienten am Carl-Laemmle-Gymnasium feierlich vergeben.

Bis zu ihrem Tode 1993 wohnte sie in einer 1942 bezogenen Wohnung in der Nähe des Central Parks, wo ihr Mann seine Praxis betrieben hatte. Ihr Sohn Heinz starb 1988, so dass Hertha die letzten Lebensjahre allein und durch Krankheit an Wohnung und Rollstuhl gefesselt verbrachte und nur noch durch umfangreiche Korrespondenz Kontakt mit der Außenwelt haben konnte. Auf dem Grab ihres Vaters Arthur Einstein auf dem jüdischen Friedhof Laupheim wurde nach ihrem Tod eine Plakette zum Gedenken an ihren Mann und ihren Sohn angebracht.

                                   

Quellen:

Das Tagebuch der Hertha Nathorff. Berlin New York 1933 bis 1945. Frankfurt a.M. 1988.

Hecht, Cornelia; Köhlerschmidt Antje: Die Deportation der Juden aus Laupheim. Laupheim 2004. Museum zur Geschichte von Christen und Juden im Schloss Großlaupheim.

Laupheimer Verkündiger 1920–1933. Stadtarchiv Laupheim FL 9811 9899.

Standesamt Laupheim, Familienregisterband V. S. 234.

Von der Laupheimer Lateinschule zum Carl-Laemmle-Gymnasium. Festschrift zum 125jährigen Jubiläum des Laupheimer Gymnasiums. Laupheim 1994.

 

 

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