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Die jüdische Gemeinde Laupheim und ihre Zerstörung

Gedenkbuch Seiten 249 - 251

HENLE, Sofie,

Sammellager Dellmensingen

 

ROLF EMMERICH

Sofie Henle, geb. am 26. 12. 1856 in Laupheim, gest. am 27. 7. 1942 im Sammellager in Dellmensingen. 

 

Sofie kam als achtes der elf Kinder des Schreinermeisters Elkan Henle und dessen Ehefrau Klara geb. Adler zur Welt. Als einziges Kind der Familie wurde sie auf dem jüdischen Friedhof in Laupheim bestattet. Auf dem Grabstein, der erst im Jahre 1945 aufgestellt wurde, ist der Familienname der Henles irrtümlich mit „Hänle“ angegeben worden. Nach dem Tode des Vaters im Jahre 1894 zog die Tochter Sofie mit ihrer Mutter nach Neu-Ulm, wo bereits ihre älteren Brüder Jakob und Berthold lebten. Offenkundig blieb Sofie Henle unverheiratet.

Auf dem Foto ist Sofie ganz links zu sehen.

Im hohen Alter wurde sie aus Neu-Ulm in das Pflegeheim Heggbach und von dort 1941 in das jüdische Altersheim im ehemaligen Rabbinatshaus Laupheim gebracht. Offenbar wurde sie Anfang 1942 weiter in das Sammellager im ehemaligen Schloss Dellmensingen verlegt. Dieses musste vorher von der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg angemietet werden. Es war zur Belegung mit 120 Personen aus ganz Württemberg geplant; in der Praxis wurde es ein überbelegtes Durchgangslager für die Konzentrationslager mit miserablen hygienischen Bedingungen. Essen gab es nur in geringer Qualität und Menge; ärztliche Versorgung überhaupt nicht.

Sofie Henle starb am 27. Juli 1942 in Dellmensingen und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Laupheim beerdigt (Grab S 30/6). Sie entging damit knapp der letzten Laupheimer Deportation vom 19. August 1942.

Die Fotomontage von 1890 zeigt die Geschwister Henle, teils mit Ehepartnern sowie Großeltern und Eltern. Der Bruder Moritz Henle, Kantor und Komponist in Hamburg, hat das Bild herstellen und sich am rechten Bildrand mit seiner Frau Lina Franziska und ihren Kindern Alwin und Paul darstellen lassen.

Sofie Henle, zwölfte von rechts (links, am Tischchen der Vierergruppe in der Bildmitte), lebte zu jener Zeit noch mit den Eltern in Laupheim. Die übrigen Geschwister waren da bereits überwiegend in den USA, aber auch in Stuttgart, Nürnberg und in Ulm/Neu-Ulm wohnhaft.

 

 

Schloss Dellmensingen: ein vergessener Tatort des NS-Rassenwahns. (Foto: K. Neidlinger)

 

Schloss Dellmensingen: ein vergessener Tatort des NS-Rassenwahns

Das heute leer stehende, sehr restaurierungsbedürftig wirkende Schloss Dellmensingen wurde von 1942 bis 1945 für rassenpolitische Ziele des NS-Staats genutzt. Im März 1942 wurde dort ein jüdisches Altersheim eingerichtet, in dem rund 120 vorwiegend ältere jüdische Bürger aus ganz Württemberg zwangseinquartiert wurden. Der Staat hatte diesen Menschen ihre Wohnungen weggenommen und sie in öfters wechselnden Sammelunterkünften untergebracht. Ihre Spuren sollten verwischt und ihre letzte Fahrt in die Vernichtungslager im Osten getarnt werden.

Das jüdische Altersheim Dellmensingen bestand nur fünf Monate lang: Am 19. August 1942 wurden alle Bewohner nach Stuttgart gebracht, in ein Sammellager auf dem Killesberg, und von dort drei Tage später in das KZ Theresienstadt. Schon im März 1942 waren drei Altersheim-Bewohner in das KZ Izbica in Polen verschleppt worden. Keiner von ihnen kehrte nach dem Krieg zurück.

Während ihres Aufenthalts in Dellmensingen verstarben 18 Personen. Sie wurden auf dem jüdischen Friedhof in Laupheim beigesetzt, erhielten dort aber erst nach dem Krieg einen Grabstein. Unter diesen ist auch Sophie Henle: Sie führte diese letzte Reise als einzige wieder an ihren Geburtsort Laupheim zurück.

Danach wurde das wieder leer stehende Schloss Dellmensingen ab Herbst 1942 mit 23 slowenischen Familien belegt, die von der SS als „eindeutschungsfähig“ eingestuft worden waren. Die Kinder erhielten zunächst einen Deutschkurs und wurden dann in der Volksschule Dellmensingen mit unterrichtet, die Väter arbeiteten zumeist bei Magirus in Ulm. Da auch sie nicht freiwillig hier waren, sondern aus rassenpolitischen Gründen verschleppt worden waren, gingen alle im Juli 1945 wieder in ihre Heimat zurück. (Quelle: Dorfchronik Dellmensingen)

 

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