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Die jüdische Gemeinde Laupheim und ihre Zerstörung

Gedenkbuch Seiten 369 - 372 

LÖWENTHAL, Lazarus,

Hopfenhandel, Kapellenstraße 64 

 

 

ROBER T E ß

 [Lazarus Löwenthal  geb. 6. 8. 1843 in Laupheim OO  Suizid am 20. 11. 1901 in Laupheim]
 Leopoldine (Lina), geb. Löwenthal, geb. 10. 10. 1851 in Laupheim gest. 19. 9. 1941 in Laupheim
[Hermine, verh. Strauß  geb. 24. 7. 1872 in Laupheim]
Elise, verh. Friedberger, geb. 2. 5. 1876 in Laupheim ermordet 16. 5. 1944 in Auschwitz

 

Lazarus Löwenthal war das achte von insgesamt 14 Kindern und ein Sohn des Hopfenhändlers Wolf Löwenthal. Er heiratete 1871 Leopoldine Löwenthal, die Tochter seines Onkels Nathan, auch Hopfenhändler und Mitinhaber der Firma M. Löwenthal und Sohn in Laupheim. Der Großvater Marx Löwenthal hatte 1877 das große Anwesen in der Kapellenstraße 65 erbaut.

Mathilde Löwenthal, die vier Jahre ältere Schwester von Leopoldine, verheiratete sich etwa zur gleichen Zeit mit dem Hopfenhändler Ludwig Louis Löwenthal, ebenfalls einem Mitinhaber der Firma M. Löwenthal und Sohn. Eine dritte Schwester Rosalie ehelichte Salomon Löwenthal, wiederum ein Hopfenhändler und Bruder von Ludwig Louis“.

Onkel Nathan Löwenthal hatte elf Kinder und drei seiner Töchter mit den Söhnen seiner Brüder verheiratet. Anscheinend (so urteilt John H. Bergmann) ohne genetische Wertung, aber dafür hat es vielleicht das Familienvermögen zusammengehalten.“1)

Wolf Löwenthal (1805–1892) hatte in der Kapellenstraße 64 ein Wohnhaus erstellt. Sein Sohn Lazarus kaufte einen an das Grundstück angrenzenden Ackeranteil von Anton Brunnenhuber und erstellte darauf im Jahre 1883 ein großes Hopfenmagazin, das heute noch erhalten ist. Die Planung hatte Oberamtsbaumeister Werkmann.

Der Hopfenhandel blühte. In Laupheim „bestanden anno 1897 fünf Hopfenfirmen: S. H. Steiner, Louis und Lazarus Löwenthal, Louis Regensteiner und Max Sundheimer“. 2)

Der Konkurrenzkampf war groß und der Betrieb von Lazarus Löwenthal kam in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Ihm drohte die Zwangsversteigerung des Anwesens. Drei Tage vor dem Gerichtstermin nahm er sich am 20. November 1901 das Leben.

       

Briefkopf von Marx Löwenthal

(Archiv: Michael Schick)

 

Hierzu schreibt Nathanja Hüttenmeister: Lazarus, dessen jüdischer Name im Sterberegister mit Elieser, Sohn des Benjamins, angegeben ist, wurde ,tot aufgefunden und zwei Tage später begraben. Die Angabe der Todesursache im Sterberegister trägt einen hebräischen Zusatz, der heißt, Lazarus hatte Selbstmord begangen.“3)

Aus dem anschließenden Nachlass-Konkursverfahren ersteigerte Berthold Friedberger, der Schwiegersohn und erst seit kurzem Gatte der Lazarustochter Elise, das Wohnhaus mit Hopfenmagazin am 1. März 1902.

Das Paar zog später in die Radstraße 25 und versteigerte wieder das Anwesen in der Kapellenstraße 64. Der jüdische Pferdehändler Emanuel Kahn, genannt Emil, ein angesehener Laupheimer Geschäftsmann (s. S. 312), bekam den Zuschlag.

Nach der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November1938 wurde dieser jedoch mit 16 anderen jüdischen Geschäftsleuten auf Veranlassung der Gestapo in das Konzentrationslager nach Dachau gebracht. Aus der „Schutzhaft entlas- sen, verkaufte er noch im selben Jahr sein Anwesen zu je 50 Prozent an Peter Wassermann, Memmingen, und Josef Rebholz, Memmingen später Laupheim.

1943 wurde der Kaufvertrag nach vorheriger Rückerstattung des Besitzes neu ausgestellt.

Leopoldine (Lina) Löwenthal zog nach dem Selbstmord ihres Gatten Lazarus und der Zwangsversteigerung 1902 in das gegenüberliegende Haus ihres Vaters Nathan Löwenthal, dessen Frau Frederike, geb. Mayer, bereits 1894 verstorben war.

Als Nathan Löwenthal am 16. Februar 1905 starb, erbte Tochter Lina zusammen mit ihren fünf Schwestern das Haus in der Kapellenstraße 63. Ihre dort lebende ledige Schwester Jeanette, geb. am 1. April 1862, erhielt noch zusätzlich das Wohnrecht für ein Eckzimmer im oberen Stock.

Im Jahr 1930, nachdem Bäckermeister Kaspar Fetzer das Haus gekauft hatte, zogen die beiden Schwestern nebenan in die Kapellenstraße 65. Jeanette starb am 27. Mai 1939 in Laupheim und Lina nach 40jährigem Witwendasein am 19. September 1941 90jährig in der Pflegeanstalt Heggbach.

Sie war eine bescheidene Frau. Anlässlich ihres 80. Geburtstages heißt es in der jüdischen Gemeindezeitung:

„Eine jener immer seltener werdenden ehrwürdigen Frauengestalten, denen Religion und Haus, Familie und Gemeinde noch den Inbegriff ihres stillbescheidenen frommen Lebens bildet!“4)
 

Durch den Tod wurden den beiden Schwestern die Qualen einer Deportation erspart.

 

Die Kinder:

Das Ehepaar Lazarus und Lina Löwenthal hatte zwei Töchter:

Hermine, verheiratet mit Max Strauß, Kaufmann in Bruchsal. (Verbleib unbekannt.)

Elise, verheiratet mit Berthold Friedberger, Viehhändler und Stadtrat in der Radstraße 24. Nach dem Zwangsverkauf ihres Hauses und dem Tod des Gatten 1941, kurz vor seinem 75. Geburtstag, wurde Elise Friedberger in die Wendelinsgrube umquartiert.

Am 19. August 1942 wird sie mit der letzten, der vierten Deportation zunächst ins Konzentrationslager nach Theresienstadt und von dort am 16. Mai 1944 mit einem Liquidationstransport nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. (Siehe Familie Berthold Friedberger ab Seite 209.)

  

Quellen:

1) Brief vom 20.12.1987 an Henry Lowen, Denver.

2) Josef K. Braun, Altlaupheimer Bilderbogen“, Band II, Seite 168.

3) „Der Jüdische Friedhof Laupheim“, Seite 425, Nathanja Nüttenmeister.

4) "Der Jüdische Friedhof Laupheim“, Seite 523 / G/GW 13/1931, Seite 147.


 

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