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Die jüdische Gemeinde Laupheim und ihre Zerstörung

  Gedenkbuch Seiten 556 - 560

WEIL, Jonas,

Öl- und Fettwarenfabrik, Radstraße 31

 

HANS - GEORG EDELMANN , KARL NEIDLINGER

Jonas Weil, geb. 9. 2. 1871 in Laupheim, gest. 1942 in Chicago/USA, OO Cilli Weil, geb. Nördlinger, geb. 10. 9. 1877 in Laupheim, gest. in USA. – Selma, geb. 27. 4. 1905 in Laupheim, 1925 Heirat mit Max Bernheimer, Buttenhausen. Emigration von Jonas und Cilli Weil am 9. 4. 1940 nach Chicago/USA.

 

(Quelle: Archiv Theo Miller)

 

(Aus: Adressbuch Laupheim 1925)

Karrensalbe und Riemenöl, Leinöl-Firnis und Bohnerwachs: Produkte, die in Vergessenheit geraten sind, genau so wie die Laupheimer Firma J. Weil, die solche Dinge einst vertrieben und teilweise auch hergestellt hat. Die beiden Anzeigen sind die einzigen schriftlichen Quellen, die zu der von Jonas Weil im Jahr 1899 gegründeten Firma gefunden werden konnten. Sie muss schon bald nach der Gründung einen rasanten Aufstieg genommen haben, denn die in der oberen Annonce abgebildeten Auszeichnungen stammen alle aus dem ersten Jahrzehnt nach ihrer Gründung. Unklar bleibt, wie so vieles andere, welche innovativen Ideen und Produkte der Firma die Ursache der zahlreichen Gold- und Silbermedaillen gewesen sind, die auf Ausstellungen in Berlin, Hannover oder Hamburg errungen wurden.

Das Adressbuch von 1925 zählt nicht weniger als zehn Öl- und Fettwarenfabriken und -handlungen für Laupheim auf. Wie arbeiteten diese Fabriken? Noch im Jahr 1935 beschäftigte Jonas Weil fünf Angestellte und drei Provisions- reisende und zahlte 840 RM Gewerbesteuer. War „Schmotz-Weil“, wie man ihn in Laupheim nannte, der lokale Marktführer in diesem Bereich? Alles Fragen, die nur mit erheblichem Aufwand zu beantworten wären.

Wesentlich besser als die schriftliche Überlieferung, die es in diesem Fall fast nicht gibt, sind die gefundenen fotografischen Dokumente.

 

      

 Jonas Weil ist unverwechselbar: Links als ungefähr 25jähriger junger Mann, in der Mitte auf einem Passfoto von 1934, rechts als Insasse des jüdischen Altersheims im Jahr 1940. (Quellen: Leo-Baeck-Institut NY, Kreisarchiv Biberach, Bilderkammer Museum)
 Die Laupheimer Oel- und Fettfabrik J. Weil“ in der Radstraße 31, Wohnhaus und Fabrikgebäude, um 1910. An der Hausecke Jonas Weil mit Tochter Selma, aus dem Fenster im ersten Stock schauend vermutlich Cilli Weil. (Foto: Archiv Theo Miller)

Als das erste der drei Fotos um 1895 entstand, war Jonas Weil noch ledig und die Firma noch nicht gegründet. Sein Vater Emanuel, von Beruf Handelsmann und Uhrmacher, war dreimal verheiratet; Jonas stammt aus der dritten Ehe mit Malka Guggenheimer aus Hürben. Im Jahr 1901 heiratete Jonas Weil Cilli Nördlinger aus Laupheim, eine Schwester Ludwig Nördlingers. 1905 wurde die einzige Tochter Selma geboren, die schon mit zwanzig im Jahr 1925 Max Bernheimer aus Buttenhausen heiratete und dann aus Laupheim wegzog.

In der Radstraße 31, in stark verändertem Zustand noch erhalten, stand das Wohnhaus der Familie, mit direkt daran angebautem Fabrikgebäude. Die Ansicht des Gebäudeensembles erweckt den Eindruck, dass das Wohnhaus schon älteren Datums ist und das Fabrikgebäude in Klinkerbauweise dann neu dazu kam. Auf dem daran angebrachten Schild ist zu lesen Lauph. Oel + Fett Fabrik J. Weil“ und Öle und Fette werden sich auch in den mächtigen Fässern, die im Hof stehen, befunden haben. Jonas Weil wurde in der Radstraße 31 schon geboren, so dass es sich hier um das elterliche Anwesen handelt, das er weitergeführt und ausgebaut hat.

In der jüdischen Gemeinde engagierte sich Jonas Weil in vielfältiger Weise. Im Jahr 1912 wurde er ins Kirchenvorsteheramt gewählt, er sang im Synagogenchor, war Vorstand der Bruderschaft Chevra Kadischa und in den 30er Jahren auch stellvertretender Vorsitzender der Gemeinde. Beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges war er 43 Jahre alt und musste deshalb nicht mehr in den Krieg ziehen. Dennoch legte er nach dem Krieg ein ausführliches Verzeichnis der Laupheimer jüdischen Kriegsteilnehmer an, das heute im Museum aufbewahrt wird, und aus welchem in vielen Artikeln dieses Buches schon zitiert wurde. Mit solchen Aufstellungen sollte den antisemitischen Verleumdungen begegnet werden, die in den 20er Jahren von rechtsradikalen Kreisen in Umlauf gebracht wurden, die deutschen Juden hätten sich zu wenig am aktiven Kriegsdienst beteiligt oder seien gar mitschuldig an der Niederlage.

 

Zwangsarisierung und Emigration

Durch das weitgehende Fehlen schriftlicher Quellen lässt sich das Schicksal der Familie und der Firma in der NS-Zeit nur oberflächlich rekonstruieren. Im Jahr 1938 wohnte die Familie noch in der Radstraße 31, aber auch ein Julius Mohr, der mit Ölen und Fetten handelte, wohnte dort. Aus derselben Zeit stammt das Foto, das die Firma Weil eindeutig als im Besitz eines Albert Mohr befindlich ausweist. Die Enteignung der jüdischen Unternehmer verlief hier vermutlich ähnlich wie in mehreren anderen Fällen: Unter dem zunehmenden Druck der NS-Machthaber wird Jonas Weil seine Firma im Jahr 1937 oder 1938 an einen seiner Angestellten oder dessen Bruder verkauft haben, behielt aber noch das Wohnhaus.

 

 Ein Albert Mohr ist auf diesem Foto von 1938/39 als Besitzer der Firma J. Weil ausgewiesen.     (Foto: privat)

 

Ein weiterer Kaufvertrag, im NS-Jargon „Entjudungsvertrag“ genannt, vom 30. November 1939 ist im Stadtarchiv Laupheim erhalten. Danach kaufte nicht Albert Mohr, sondern der Bäckermeister Georg Fezer das gesamte Anwesen, Wohn- und Geschäftshaus, für 17 000 RM, „in gutem Zustand“. Spätestens zu diesem Zeitpunkt mussten dann auch Cilli und Jonas Weil in das jüdische Altersheim im ehemaligen Rabbinat umziehen und dort unter äußerst beengten Verhältnissen weiterleben.

Buchstäblich im letzten Moment, der Zweite Weltkrieg war schon in vollem Gang, erhielt das Ehepaar eine Einreisegenehmigung in die USA und konnte am 9. April 1940 nach Chicago emigrieren. Höchstwahrscheinlich hat sich Tochter Selma und ihr Mann Max Bernheimer, die bereits in Chicago wohnten, um die Einreisegenehmigung gekümmert und die Eltern nachgeholt. Jonas Weil verstarb schon im Oktober 1942 dort, seine Frau Cilli genau zehn Jahre später. Weils ältere Schwester Ida, verheiratete Rothschild, und der jüngeren Schwester Lina, verheiratete Wertheimer (siehe übernächstes Kapitel) gelang die Ausreise nicht mehr, sie wurden Opfer der Shoa.

 

Nachkriegszeit 

Ebenso wenig wie aus der Vorkriegszeit gibt es auch aus der Nachkriegszeit schriftliche Quellen, etwa Restitutionsverhandlungen oder Entschädigungsforderungen, dafür aber ein gutes Foto aus Theo Millers Archiv. Am 17. 4. 1963 brannte das ehemalige Weilsche Fabrikgebäude ab und wurde danach stark verkleinert wiederaufgebaut. Erst das Foto von dem Brandereignis, das sie endgültig untergehen ließ, macht die wirklich ansehnlichen Ausmaße der einstigenLaupheimer Oel- und Fettfabrik J. Weil“ richtig deutlich.

Jonas Weils einstiges Fabrikgebäude brannte am 17. April 1963 ab. Mit im Bild der

Wintergarten des Nachbargebäudes in der Gartenstraße. (Foto: Archiv Theo Miller)

 

 

 

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