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Die jüdische Gemeinde Laupheim und ihre Zerstörung

Gedenkbuch Seiten  213 - 219

FRIEDBERGER, Markus,

Viehhandel, Ulmer Straße 58 und 60

 

ROBERT Eß

Markus Friedberger, geb. 21. 9. 1863 in Laupheim, gest. 14. 9. 1942 in Theresienstadt, OO Theres geb. Landauer, geb. 5. 10. 1864 in Binswangen, gest. 28. 8. 1942 in Theresienstadt.
[Emanuel Emil, geb. 1891, gest. 1909 in Binswangen],
– [Recha verh. Reutlinger, geb. 1892, gest. 1942, ermordet in Auschwitz],
[Emma, geb. 1893, gest. 1893 in Laupheim],
Klara (Klärle), verh. Adler, geb. 1894, gest. 1941, ermordet in Riga,
Cilly verh. Obernauer, geb. 1895, 1940 emigriert nach Argentinien,
Mina, geb. 1897, gest. 1941, ermordet in Riga.

 

Markus Friedberger im Kreise seiner Schwestern, um 1920.

(Foto: Leo-Baeck-Institut NY, John-Bergmann-Nachlass)

 

Vermutlich entstand das Foto anlässlich eines Laupheim-Besuches der jüngsten, 1876 geborenen, in Gailingen verheirateten Schwester Emma Kurz, in der Bildmitte sitzend mit weißem Pelzkragen. Links neben ihr sitzt Pauline Obernauer, geb. Friedberger (1861–1925), die Mutter aller in diesem Buch aufgeführten Obernauer-Familien, rechts Mathilde Bach, geb. Friedberger (1866–1936). Links steht ihre in Augsburg verheiratete Schwester Luise Bach, geb. Friedberger (1867–?). Es ist eine Doppelhochzeit gewesen: Die Schwestern Mathilde und Luise Friedberger heirateten die Brüder Max und Heinrich Bach aus Mühringen. Ganz rechts, mit Handtäschchen, steht Cilly Einstein (1871–?), geb. Friedberger. Zu welcher Einstein-Familie sie gehört, ist unklar.

 

Die Eltern:

Markus Friedberger war das dritte der zehn Kinder und der einzige Sohn des Leopold Emanuel Friedberger (1832–1912) und seiner Gattin Rosalie geb. Stern (1840–1902), die eine Enkelin von Rabbiner Jakob Kaufmann war. Markus heiratete am 2. Juni 1890 die aus Binswangen stammende Theres Landauer. Von seinen acht Schwestern, die das Erwachsenenalter erreichten, sind fünf auf dem Foto abgebildet. Markus war Pferdehändler und wohnte mit seiner Familie in der Ulmer Straße 52.

Nach dem Verlust ihres Hauses im Jahr 1941 wurde das Ehepaar in das jüdische Altersheim am Judenberg 2 umquartiert und am 22. August 1942 nach Theresienstadt deportiert. Frau Theres starb schon nach einer Woche am 28. August 1942. Ihr Mann folgte ihr bereits am 14. September 1942 in den Tod. Beide waren sicher durch den langen Transport und durch die schlechte Lebensmittelversorgung entkräftet.

 

Die Kinder:

Emanuel Emil, der einzige Sohn, geb. 2. März 1891 in Laupheim, gest. 6. März 1909, erhielt die Vornamen seines Großvaters Emanuel Emil, der 1833 in Laupheim geboren wurde und 1912 80jährig verstorben ist (N 21/7). Drei Jahre zuvor hatte sich sein Enkel 1909 in München erschossen. Nathanja Hüttenmeister schreibt hierzu: Der ledige Commis Emil starb in München und wurde drei Tage später in Laupheim beigesetzt. Als Todesursache ist „suicidum angegeben. Auf dem von Steinmetz Müller gefertigten Grabstein (N 20/3), einer gebrochenen Säule, steht in hebräischer Schrift: „Hier ist begraben der geehrte Menachem, Sohn des Mordechai. Er ging in die Ewigkeit am Tag des 13. Adar 669 der kleinen Zählung. Seine Seele sei eingebunden in das Bündel des Lebens.“1)

Recha verh. Reutlinger, geb. am 7. Februar 1892 in Laupheim, ermordet 1942 in Auschwitz. Sie heiratete vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges am 26. März 1914 Jakob Reutlinger aus Königsbach. Beide wurden am 22. November 1940 von ihrem Wohnort Pforzheim schlagartig mit anderen 7000 badischen und pfälzischen Juden in das Internierungslager Gurs in Südfrankreich deportiert.

Camp de Gurs war ehedem ein großes Barackenlager, das im Mai 1939 von nach Frankreich übergetretenen spanischen Soldaten für Flüchtlinge des spanischen Bürgerkriegs erbaut worden war.2) Unter undenkbar schlechten hygienischen Verhältnissen wurden etwa 1300 Juden untergebracht.

Der kalte Winter 1940/41 und eine ruhrartige Epidemie führten zu einem Massensterben. Mitte März 1941 befanden sich auf dem Friedhof des Lagers 1050 neue Gräber.3)

Von Gurs aus wurden Transporte direkt nach dem Sammel- und Durchgangslager Drancy bei Paris zusammengestellt.

Auch für Recha Reutlinger, geborene Friedberger, und ihren Gatten war Drancy die letzte Station auf dem Weg in die Gaskammer von Auschwitz, wo sie 1942 ermordet wurden.

Klara (Klärle) verh. Adler, geb. 30. Mai 1894 in Laupheim. Am 18. Juli 1921 heiratete sie den in München lebenden Kaufmann Josef Adler. Dieser wurde am 23. April 1893 ebenfalls in Laupheim geboren.

Die Ehe wurde bereits 1923 geschieden und Klara zog später wieder nach Laupheim in die Radstraße 24. Von dort wurde sie 1941 in die Wendelinsgrube 8 umquartiert, nachdem das Haus von Nazis beschlagnahmt und anderweitig verkauft wurde.

 

  

 Klärle Friedberger (erste Reihe, Mitte) im Jahr 1911 beim Abschlussball des Tanzkurses, dem Tanzkränzchen“, im Saal des Gasthauses „Zum Kronprinzen (heute Alexis Sorbas). Hinter ihr Anna Stuber, verh. Knoll und Lina Stumpp, verh. Raff.

(Aus: J. Braun, Alt-Laupheimer Bilderbogen, S. 120)

In der Wendelinsgrube (zwischen den Bahnhöfen Laupheim Stadt und Laupheim West) wurde ab 1927 eine Barackensiedlung mit Notwohnungen von der Stadt Laupheim gebaut. Am 28. Oktober 1941 meldete der 1. Beigeordnete als Stellvertreter des Bürgermeisters von Laupheim: „In diesen Baracken wohnen nun 31 Juden.“ Die zuvor dort wohnenden Familien wurden meistens in die freigewordenen Häuser der jüdischen Mitbürger umquartiert.

Klara Adler wurde ebenfalls (wie ihre Schwester Recha) am 22. November 1940 nach Gurs in Südfrankreich und am 24. November 1941, bei minus 30 bis 40 Grad, in unbeheizten Waggons weiter nach Riga deportiert. Ebenso ihr ehemaliger Ehemann Josef Adler. Beide sind im Vernichtungslager Riga umgekommen und am 31. Dezember 1945 für tot erklärt worden.

Cilly verh. Obernauer, geb. 21. September 1895 in Laupheim, ist am 30. Dezember 1940 mit ihrem Gatten Max Obernauer nach Argentinien ausgewandert. Die Mutter von Max Obernauer ist die auf Seite 412 abgebildete Pauline, geb. Friedberger: Max und Cilly waren Cousin und Cousine.

Nach dem Tod ihres Gatten hat Cilly Obernauer am 11. Januar 1954 ihre Eltern und ihre drei ermordeten Schwestern für tot erklären lassen. Als Zeitpunkt des Todes wurde der 31. Dezember 1945 festgelegt.

Mina Friedberger, ledig, geb. am 20. September 1897. Sie wurde zusammen mit ihrer Schwester Klara Adler und weiteren 17 Laupheimer Juden mit dem ersten Transport am 28. November 1941 nach Riga deportiert und dort ermordet.

 

   

Mina Friedberger als Schülerin der israelitischen Volksschule

im Jahr 1909 und der Frauenarbeitsschule im Jahr 1913.

 

Die Pauline-Friedberger-Stiftung 1934

Markus Friedbergers Großonkel Simon Friedberger und seine Frau Babette hatten elf Kinder, von denen neun das Erwachsenenalter erreichten. Sieben von ihnen wanderten zwischen 1855 und 1870 in die USA aus. Die zweitjüngste Tochter war die 1851 geborene Pauline Friedberger, die nach ihrem Tod 1934 der jüdischen Gemeinde Laupheim eine Stiftung vermachte. Sie ließ 2000 Dollar anlegen für folgenden Zweck:

„Das daraus fließende Einkommen soll jährlich der israelitischen Gemeinde der Stadt Laupheim ausbezahlt werden (. . .) und soll jährlich am 14. Oktober, welches mein Geburtstag ist, dazu verwendet werden, die Schulkinder jüdischen und christlichen Glaubens zu unterhalten, und zwar in Hotels oder auf Plätzen in besagter Stadt, wie die Kirchenvorsteher es für richtig erachten.“

Als armes Mädchen sei Pauline Friedberger einst nach Amerika ausgewandert, bemerkte die darüber berichtende israelitische Gemeindezeitung in der Ausgabe vom 1. Juni 1934, und die Stifterin habe ihre Heimatliebe und Anhänglichkeit an ihre Heimatstadt Laupheim wiederholt durch Wort und Tat bewiesen. Dass diese Heimatstadt gerade dabei war, ihre jüdischen Einwohner ganz auszugrenzen und für ihre Anhänglichkeit entsetzlich zu bestrafen, wurde in Amerika zu diesem Zeitpunkt wohl noch nicht so recht wahrgenommen. Die Zinsen aus den 2000 Dollar Stiftungskapital der Pauline Friedberger wurden sicher nicht oft ausbezahlt. Nur acht Jahre nach der Stiftung gab es ihren Adressaten, die jüdische Gemeinde Laupheim, nicht mehr.

 

Familiengeschichte

Der Name Friedberger stammt von dem Ort Friedberg im Hessischen, wo Juden seit der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts nachweisbar sind.4)

Ureltern aller Laupheimer Friedberger sind vermutlich Josef Simon (Friedle) und Mathilde aus Randegg bei Gammertingen. Das Sterbejahr auf dem stark verwitterten Grabstein (G-4/7) ist unvollständig. In Betracht kommen die Jahre 5560 oder 5569 nach dem jüdischen Kalender, das heißt 1799 oder 1809.5)

Vier ihrer Kinder blieben in Laupheim:

Leopold Josef (1768–1829), verh. mit Bertha geb. Wohlgemut (1765–1849)

Simon (1783–1865), verh. mit Lea geb. Levigard (1788–1870)

Lazarus (1780–1854), verh. mit Hannelore geb. Heilbronner (17881834)

Leopoldine (1790–1864), verh. mit Baruch Mayer (1791–1882).

Die Enkelkinder heirateten in folgende Familien ein: Lämmle, Einstein, Rosenthal, Dreifuß, Löwenthal, Laupheimer, Hochstädter, Neuburger, Bernheim, Rödelheimer und Kirschbaum.

In der vierten Generation kamen noch Familiennamen wie Nussbaum, Obernauer, Bach, Kurz und Sternschein dazu. Etliche Familiennamen erscheinen mehrmals. Dies zeigt, dass fast alle Laupheimer Geschlechter miteinander verwandt oder verschwägert waren.

Auf dem jüdischen Friedhof in Laupheim befinden sich heute 77 erhaltene Grabstätten, in denen namentliche Angehörige der Familie Friedberger bestattet wurden, davon 43 direkte Nachkommen und 34 angeheiratete.

Von der Familie stammen vermutlich auch die beiden Glocken, die im rechten Turm der Synagoge aufgehängt waren (Aussage von dem verstorbenen Konrektor Josef Braun). Eine Besonderheit, da es nicht üblich war, in Synagogen Glocken zu installieren. Es war wohl mehr ein symbolischer Akt der Angleichung an die christliche Gemeinde.

Nach dem Synagogenbrand am 9. November 1938 wurden die Glocken von einem Laupheimer Bürger aus dem Brandschutt sichergestellt und später dem Heimatmuseum übergeben mit dem Versprechen, den Namen des Spenders nicht zu veröffentlichen. Jetzt sind die Erinnerungsstücke im „Museum für Christen und Juden ausgestellt.

Der oben genannte Leopold Josef Friedberger (1768–1829) aus der zweiten Friedberger-Generation war einer der ersten Juden in Laupheim, der eine Landwirtschaft betrieb. Der Laupheimer Rabbiner Salomon Wassermann nennt in einem im Jahr 1828 erschienenen Bericht an das Oberamt in Wiblingen lediglich die beiden Juden Hirsch Heumann und Leopold Friedberger unter der Rubrik derFeldbautreibenden“.

Erst zur Jahrhundertmitte scheint sich das Interesse der Isrealiten für die Landwirtschaft zu verstärken. Vier weitere Landwirte werden in den Akten aufgeführt. Dieser Trend bricht aber nach 1850 wieder ab, denn seit dieser Zeit lässt sich nur noch ein jüdischer Landwirt nachweisen. Ungleich bedeutender war der Handel mit landwirtschaftlichen Produkten. So hatten sie im Getreide- und Hopfenhandel, dem Viehhandel und dem Handeln mit Grundstücken, sowie als Kreditgeber und als Bankier der Bauern beinahe eine Monopolstellung.6) Doch auch Pferdehändler war ein edler Beruf und angesehener als Viehändler. Es wäre unter seiner Würde gewesen, auch mit Vieh zu handeln.7)

Im Gegensatz zu anderen Laupheimer jüdischen Familien gibt es über die Friedberger kaum Unterlagen. Und fragt man bei alten Laupheimer Bauernfamilien zum Beispiel nach Markus Friedberger, dem Pferdehändler, so erhält man allenfalls die Auskunft: „Der hat in der äußeren Ulmer Straße gewohnt.“

Die Familie Friedberger war über 150 Jahre lang, über sechs Generationen hinweg, in Laupheim beheimatet.


Ein Luftbild der äußeren Ulmer Straße aus den 50er Jahren.

Markus Friedbergers Anwesen, bestehend aus Wohnhaus und großem Stall, ist das erste ganz rechts im Vordergrund. Noch bis zum Abbruch des Ökonomiegebäudes in den 60er Jahren erinnerte ein großer Pferdekopf an dem kleinen Quergiebel zum Hof hin daran, dass in dem stattlichen Anwesen einst ein angesehener jüdischer Pferdehändler gelebt hatte. Nach den Restitutionsakten (Staatsarchiv Sigmaringern, Wü 126/2, Nr. 20) hat Markus Friedberger das 1824 errichtete Wohnhaus im Jahr 1894 gekauft. Im Juli 1951 wurde es wieder an seine Erben Cilly Obernauer (Argentinien und Leo Leiter (Pittsburgh, USA) zurückerstattet. (Foto: Archiv Robert Eß)
 

 

Quellen:

1) Hüttenmeister, Nathanja: Der Jüdische Friedhof. Laupheim 1998, S. 452-452.

2) Paul Sauer: „Die Schicksale der jüdischen Bürger Baden-Württembergs.“ S. 426.

3) ebenda: S. 275.

4) Hüttenmeister, Nathanja: Der Jüdische Friedhof. Laupheim 1998, S. 539/540.

5) ebenda: S. 586.

6) Ulrich Kreutle: Die Bedeutung der israelitischen Gemeinde für die wirtschaftliche Entwicklung Laupheims.

7) Gerold Römer: Schwäbische Juden, S. 142.


 

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