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Die jüdische Gemeinde Laupheim und ihre Zerstörung

Gedenkbuch Seiten  209 - 212

FRIEDBERGER, Berthold,

Radstraße 25

 

ROBER T Eß / KARL NEIDLINGER

Berthold Friedberger, geb. 13. 5. 1866 in Laupheim, Handelsmann, gest. 17. 1. 1941 in Laupheim, OO Elise, Liesel genannt, geb. Löwenthal, geb. 2. 5. 1876 in Laupheim, 16. 5. 1944 ermordet in Auschwitz,
 [Leopold, geb. 10. 1. 1903 in Laupheim, Kaufmann, emigriert nach Großbritannien] 



Berthold Friedberger.
(Leo-Baeck-Institut, NY)
Elise Friedberger, geb. Löwenthal.
    (Archiv Ernst
Schäll)



   

Die dürftige Quellenlage bei Berthold und Elise Friedberger wird ausgeglichen durch einen seltenen Glücksfall: Beide Personen begaben sich mit ihrem Freundeskreis, als sie noch nicht verheiratet waren, um das Jahr 1895, zum Fotografen und stellten sich zum Gruppenfoto auf. Das eine Bild fand sich im John-Bergmann-Nachlass, das andere in Ernst Schälls Archiv. Wenige Jahre danach haben Berthold Friedberger und die zehn Jahre jüngere Elise Löwenthal dann geheiratet und sich in der Radstraße ein stattliches Haus gebaut.

Berthold Friedberger war Mitglied im Stadtrat und gehörte 1895 dem neu gegründeten Eisenbahnkomitee an, das sich für den Bau der Nebenstrecke Laupheim– Schwendi einsetzte. Erst nach der sechsten Eingabe am 1. Juli 1899 wurde das Bahnprojekt von der königlichen Regierung als bauwürdig empfohlen und im Januar 1902 die ersten Geldmittel genehmigt. Die offizielle Eröffnung war am 16. Mai 1904.

Über den am 10. Januar 1903 geborenen Sohn Leopold ist nur wenig bekannt. Er lebte im Jahr 1933 nicht mehr in Laupheim. Nach Aufzeichnungen von John H. Bergmann ist Leopold in der NS-Zeit nach Großbritannien emigriert und von dort weiter nach Kanada, wo sich seine Spur verliert.

Die sehr allgemeine Berufsbezeichnung „Handelsmann steht in aller Regel für Viehhändler. Höchstwahrscheinlich hat Berthold Friedberger seinen Lebensunterhalt mit Viehhandel verdient. Aus seinem vom Landratsamt Laupheim ausgestellten Gewerbeschein stammt auch das Passfoto von ihm.

Im Februar 1939 musste Berthold Friedberger sein Haus für 13 000 Reichsmark an den Hilfsarbeiter Georg Leibing verkaufen. In dem „Entjudungsvertrag“ genannten Kaufvertrag ist als Grund für den Verkauf Geldmangel angegeben, eine Auswanderung des Ehepaars sei für die nächste Zeit nicht vorgesehen. Im gleichen Vertrag wird auch offen geschrieben, dass der mittlere Schätzwert des Friedberger-Anwesens 15 200 Reichsmark betragen würde. Wo das Ehepaar nach dem Verkauf wohnte, ist nicht geklärt. Möglicherweise konnten die Friedbergers in ihrem verkauften Haus doch noch eine Weile wohnen bleiben.

 

Passfoto Berthold Friedberger.   

(Kreisarch. BC)

 

Südliche Radstraße, ungerade Hausnummern 17–25

Ganz im Vordergrund das Haus von Berthold und Liesel Friedberger, nach heutiger Nummerierung Radstraße 25. Die nächsten vier Häuser gehörten alle der Familie Bergmann, teilweise als Mitarbeiter-Wohnungen der Firma genutzt. In Nr. 23 wohnten Guggenheimers, danach, im Bergmann-Stammhaus (21), Emma und Gretel Gideon, und in Nr.17 Lina und Maier Wertheimer. (Foto: K. Neidlinger)

 

Am 18. Januar des Jahres 1941 verstarb Berthold Friedberger im 74. Lebensjahr und erhielt noch ein Grab auf dem Laupheimer jüdischen Friedhof. Danach musste seine Frau Elise, die offenbar stets Liesel genannt wurde, in eine andere Wohnung umziehen. In den Briefen Lina Wertheimers aus dem jüdischen Altersheim an Emma und Gretel Gideon in Winterthur kommt Liesel Friedberger, die ehemalige gemeinsame Nachbarin aus der Radstraße, mehrfach vor. So schreibt Lina Wertheimer beispielsweise am 26. August 1941:

 „Liesel Friedberger, der es wieder gut geht, (. . .) ist in der neuen Wohnung gut eingelebt, ich sehe sie und die anderen Bekannten mindestens 1–2 mal in der Woche, wenn sie den Betsaal, der unten im Haus ist, aufsuchen, aber auch sonst trifft man sich.“

Im Brief vom 29. Oktober 1941 wird deutlich, dass Liesel inzwischen in eine der Baracken in der Wendelinsgrube umziehen musste und dass ihre Mutter Lina Löwenthal im Pflegeheim Heggbach zwischenzeitlich verstorben war:

 „Ich nehme an, dass Du, liebe Emma, unterdessen von Liesel Fr. selbst Nachricht hattest u. weißt, dass ihre hochbetagte Mutter kurz vor dem 90sten Geburtstag ganz unerwartet sanft entschlafen ist. Liesel war noch den Tag zuvor bei ihr u. sie freuten sich so miteinander u. die Mutter hat sich noch über alles mit ihr unterhalten, war dann müde u. wollte schlafen, als Liesel abends wegging u. ist dann am anderen Morgen ohne Kampf hinübergeschlafen. – Ein beneidenswertes Ende! Ich muß sagen, die L. ist ein tapferer, aufrechter Mensch, das hat sie in letzter Zeit bewiesen. Ihr werdet ja durch ihre Schwägerin schon gehört haben, dass sie wieder umgezogen ist u. wohnt jetzt mit Meinsteins zusammen in der alten Bahnhofstraße mit all den anderen, die nicht im Heim Aufnahme finden konnten.

 

In einem Brief vom 3. Februar 1942 heißt es:

„Wir kommen nicht mehr soviel zusammen mit unseren hiesigen Bekannten, denn der Winter ist sehr streng, ganz besonders viel Schnee u. da passt mir der weite Weg nicht. Denn bei mir macht sich immer wieder die Galle bemerkbar. Dafür kommen aber die alten Freunde häufig ins Heim zu uns, besonders die Liesel, die ist sehr anhänglich.“
 

Aus dem Brief vom 10. April 1942 geht wieder hervor, dass Liesel Friedberger auch selbst in Briefkontakt stand mit den Gideons, denn da heißt es: 

„Ich weiß nicht, ob Euch Liesel schon selbst geantwortet hat; in letzter Zeit habe ich sie nicht oft gesehen, sie hatte einen kleinen Unfall, ist gefallen, doch wieder ganz hergestellt und geht wieder aus.“
 

Leider sind Liesel Friedbergers Briefe nicht erhalten geblieben.

Der letzte Brief ist datiert am 15. Juli 1942. Darin schreibt Lina Wertheimer: 

„Liesel kommt fleißig ins Haus, hat mir auch Eure Grüße bestellt u. wir freuen uns immer mit ihr u. plaudern so gerne von alten Zeiten. Sie ist in der Küche tätig, wir helfen dabei mit, Kartoffel schälen, Gemüse zu richten usw. Da fließt die Arbeit munter fort. Noch lieber besuche ich sie in ihrem kleinen, doch so gemütlichen Heim, u. sie versteht es besonders gut, es den Besuchern so gemütlich zu machen, dass der Aufenthalt sich immer in die Länge zieht. (. . .) Es ist nur gut, dass die Liesel mit Bertha Heilbronner so befreundet ist, auch mit den wenigen anderen Nachbarn und sie halten sehr zusammen.“

 

Elise Friedberger wurde am 19. August 1942 mit der letzten, der vierten, Deportation zunächst nach Theresienstadt verschleppt, wo sie noch fast zwei Jahre überleben konnte. Am 16. Mai 1944 wurde sie mit einem Liquidationstransport nach Auschwitz gebracht, wo sie ermordet wurde.

 

 

Literatur:

Josef Braun: Alt-Laupheimer Bilderbogen, Band 1, S. 118/119.

Cornelia Hecht/Antje Köhlerschmidt: Die Deportation der Juden aus Laupheim, S. 86.

Quellen:

John H. Bergmann: Handschriftlicher Stammbaum Friedberger im John-Bergmann-Nachlass, Stadtarchiv Laupheim.

Kreisarchiv Biberach,WÜ034, 3. Archiv Ernst Schäll.

 

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