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Die jüdische Gemeinde Laupheim und ihre Zerstörung

  Gedenkbuch Seiten 401 - 408

OBERNAUER, Hermann,

 Tabakwaren, Kapellenstraße 56

 

KARL NEIDLINGER

Hermann Obernauer, geb. am 29. 12. 1895 in Laupheim, OO Olga Neumann, geb. am 16. 2. 1903 in Bamberg,
  Paul Jürgen Obernauer, geb. am 22. 3. 1930 in Laupheim,
  Rolf Arno Obernauer, geb. am 22. 1. 1932 in Laupheim.
Emigration der gesamten Familie am 22. Oktober 1939 in die USA. 

Der 1895 geborene Hermann Obernauer war das jüngste der fünf Kinder Israel Obernauers und seiner Frau Paulina Friedberger. Alle vier Söhne Israel Obernauers, Hugo, Max, Wilhelm und Hermann, machten den Ersten Weltkrieg aktiv als deutsche Soldaten mit, drei von ihnen kehrten, teilweise mehrfach ausgezeichnet, wieder zurück. Der älteste Sohn Hugo fiel 1915 in Galizien und nebenstehende Anzeige aus dem Laupheimer Verkündiger“ lud zum Trauergottesdienst für ihn und den zur selben Zeit gefallenen Fritz Kaufmann ein. Die Familie Obernauergehört zu den ältesten Geschlechtern der Laupheimer Gemeinde und lässt sich bis Mitte des 18. Jahrhunderts zurückverfolgen.

Die wirtschaftliche Basis der Familie war ein Zigarrengroßhandel, den Hermann zusammen mit seinem Bruder Wilhelm betrieb, die Firma Gebrüder Obernauer. In dieser Sparte war vermutlich auch schon Vater Israel tätig gewesen. Auch er hatte, wie alle seine Söhne, dem kaiserlichen Deutschland als Soldat gedient, wie sein um 1880 in Straßburg entstandenes Passfoto zeigt. Er kehrte 1901 von einer Geschäftsreise mit einer Typhusinfektion zurück, an der er im gleichen Jahr starb. Mehr Glück mit seinen Reisen hatte später Sohn Hermann: Er lernte im Sommer 1928 in Bamberg bei einer solchen Gelegenheit seine Frau Olga Neumann kennen und schon im November desselben Jahres heirateten sie. Zwei Söhne gingen aus der Ehe hervor, der 1930 geborene Paul Jürgen und der 1932 geborene Rolf Arno Obernauer.

Weil Paul im Jahr 1987 seine Erinnerungen zu Papier brachte, von denen auch das Laupheimer Museum eine Kopie erhalten konnte, ist die Quellenlage zu dieser Familie besonders gut. Der 59seitige Text enthält zahlreiche Informationen zur Situation in den 30er Jahren, aus denen im Folgenden einige auch im Wortlaut zitiert werden.

 

Die Firma Gebrüder Obernauer

Selbst die Weltwirtschaftskrise zu Beginn der 30er Jahre konnte den florierenden Zigarrengroßhandel von Wilhelm und Hermann Obernauer offenbar nicht ent- scheidend beeinträchtigen, weswegen die materielle Basis der Familie stets gut war. Hermann war für den Außendienst zuständig und die ganze Woche auf Reisen, wofür er in den 20er Jahren sogar ein Auto mit Chauffeur hatte, sein Bruder führte das Büro. Später absolvierte er die Geschäftsreisen, die ihn durch ganz Deutschland führten, allerdings mit der Bahn, was problemlos funktionierte.

„Die Zeit war noch nicht so hektisch wie heute.“ Die Zigarren, mit denen in erster Linie große Hotels beliefert wurden, kamen aus der ganzen Welt, doch gab es auch eine Hausmarke, die Obernauer Zigarren“.

In dem zweistöckigen Haus in der Kapellenstraße 56 (heute Gasthaus Kapellenzipfel“) wohnte die Familie im ersten Stock, im Erdgeschoss lebte die verwitwete Tante Theresa Eppstein geb. Obernauer mit ihren Töchtern Trude und Ilse, und im Dachgeschoss befand sich ein Zimmer für ein Kindermädchen, das die Familie immer hatte. Hinter dem Haus erstreckte sich ein großer Obstgarten. Die Geschäftsräume der Firma befanden sich in den 20er Jahren im Obergeschoss der jüdischen Volksschule, die zu dieser Zeit durch den Schulbetrieb schon nicht mehr ausgelastet war.

 

Kurzcharakteristik der Familie

Die Anstellung eines Kinder- und Hausmädchens erlaubte es der Mutter der Vater war während der Woche immer auf Reisen –, sich vielseitig kulturell in der Gemeinde zu betätigen. Zunächst hatte Olga Neumann einen „kleinen kulturellen Schock“ erlitten, als sie durch ihre Heirat aus Bamberg in das kleine Laupheim verschlagen worden war. Ihre besondere Vorliebe galt dem Theater, sie wäre gern Schauspielerin geworden und übte daher später mit Kindern religiöse Stücke ein, die dann beispielsweise an Chanukka aufgeführt wurden. Die Eltern waren große Opern-Fans, öfters besuchten sie Aufführungen in Ulm, Stuttgart oder Nürnberg, und das erste Grammophon in der Stadt stand im Haus Hermann Obernauer. Rabbi Dr. Treitel war häufiger Gast bei ihnen, sowohl wegen der zahlreichen Bücher als auch der original Caruso-Platten, die es dort ebenfalls gab. Beide Eltern sangen im Synagogenchor mit. Der Vater konnte, damals schon eine Ausnahme, fließend Hebräisch lesen und übersetzen, so gut wie Deutsch. Unser Haus quoll über von hebräischen Büchern“, erinnerte sich später Sohn Paul. Die aktive Teilnahme am religiösen Leben der Gemeinde war sehr wichtig. Am Freitagabend holte die Familie in der Regel den Vater am Bahnhof ab, um dann zuerst gemeinsam in die Synagoge zu gehen, deren regelmäßiger Besuch auch am Sabbat, am Samstag, anstand.

 

Das Haus Kapellenstraße 56 in den 40er Jahren.

(Foto: Archiv Theo Miller)

 

Paul besaß schon als Kind damals eine große Ausnahme sein eigenes Fahrrad, mit dem er weit über die Stadtgrenzen hinaus die Gegend erkundete:

„I visited the countryside. I loved the countryside in Laupheim“.

Ein bevorzugtes Ziel seiner Fahrradausflüge war der Westbahnhof, um die vorbeikommenden Züge zu bewundern. Da seine Mutter auch eine große Naturliebhaberin war, unternahm sie mit ihren Kindern ausgiebige Spaziergänge, auf denen sie „alle diese charakteristischen deutschen Lieder über die Heide, die Wiesen und den Wald“ vorsang und ihren Kindern beibrachte. Ein Ausflug mit dem Auto seines Onkels Wilhelm um 1935 beeindruckte ihn ganz besonders: Sie befuhren die neu erbaute, damals noch weitgehend leere Autobahn von Ulm nach Stuttgart.

Der Obst- und Gemüsegarten der Familie hinter dem Haus hatte nach der Erinnerung Pauls (rechts auf dem Foto) eine Größe von fast einem Hektar (2 1/3 acres) und dementsprechend breiten Raum nahmen im Alltagsleben die Diskussionen um die Gartenarbeit zwischen Mutter und Tante Theresa ein. 

„Bei allen Gartenfrüchten waren wir Selbstversorger, es gab eine riesige Äpfel- und Birnenernte, wir hatten Pfirsichbäume, es gab Stachel- und Johannisbeeren und im Gemüsegarten neben Kartoffeln, Rettichen, Stangenbohnen und Karotten auch Tomaten.“

 

Entwicklung ab 1933

Vor 1933 war das Leben für Juden in Laupheim nach Paul Obernauers Erinnerungen sehr angenehm und es gab keinen bemerkenswerten Antisemitismus. Dieser entwickelte sich erst mit der Agitation der Nazis, kam nach Meinung Paul Obernauers im Unterschied zu anderen Ländern von oben, von der Regierung. Eines der ersten antisemitischen Gesetze, das die Familie direkt betraf, kostete das Kindermädchen Gertrude, welche Paul sehr schätzte, 1935 ihre Stelle bei den Obernauers: In jüdischen Haushalten durften keine arischen Hausmädchen, die jünger als 50 Jahre waren, mehr arbeiten. Furcht und Schrecken erregten vor allem die SA-Trupps in ihren braunen Uniformen, die besonders gern durch die Kapellenstraße marschierten und antisemitische Lieder grölten.

„Die wichtigste Nazi-Gruppe war die SA, sie hatte braune Uniformen. Sie wurden auch entlang der Straße aufgestellt. Auch gab es oft Paraden durch die Stadt, besonders nachts, mit Fahnen und brennenden Fackeln. Ich sah auch kleine Panzer durch die Straßen fahren. Eine Besonderheit der deutschen Armee ist der Marschgesang. Eines der SA-Lieder lautete: ,Wenn das Judenblut vom Messer spritzt, dann ist es noch mal so gut.’ Sie pflegten außerordentlich antisemitische Lieder zu singen.“
  

Paul wurde 1936 in der jüdischen Schule in Laupheim eingeschult, es gab dort aber nur noch eine einzige Klasse mit 12 Schülern, in der alle Altersstufen zusammengefasst waren und die von Lehrer Heinz Säbel unterrichtet wurde. Im Jahre 1938 wurde die Schule ganz geschlossen und ist in der Pogromnacht auch demoliert worden. Bis zur Auswanderung in die USA besuchte Paul jüdische Schulen in Ulm und in Esslingen. In dieser Zeit lebte die Familie bereits von der Lebensversicherung des Vaters, die er sich hatte auszahlen lassen müssen, denn seine Geschäfte durfte er als Jude nicht mehr weiterführen.


Die Pogromnacht vom 9. 11. 1938, Kapellenstraße 56

„Meine Erinnerung an den November 1938: Um 2 oder 3 Uhr morgens heftige Schläge an der Haustüre. Lautes Klopfen, heftige Schläge, viel Lärm. Schließlich brachen sie die Haustüre auf, sie hatten keine Zeit zu warten, bis jemand öffnete. Meine Tante Theresa wohnte im Erdgeschoss, sie war völlig geschockt. Die Nazis kamen die Treppe herauf und wollten meinen Vater verhaften. Mein Vater schlief im Schlafzimmer, sie zogen ihn heraus. Meine Mutter erzählte mir, dass einer von ihnen tatsächlich einen Revolver in der Hand hatte. Sie ließen meinen Vater gerade mal eine Hose und eine Jacke anziehen und nahmen ihn dann mit auf das Rathaus. Und meine Tante begann mit einem der Nazis zu streiten. Sie zog ihn an seiner Jacke und fragte Was macht ihr da!“ und so weiter. Wir verstanden nicht was geschah. Am nächsten Morgen gingen meine Mutter, meine Tante und die andere Tante Cilly auf das Rathaus. Ihr Gatte Max Obernauer war auch verhaftet worden. Meine Mutter berichtete mir, dass sie mit einer Handvoll Kriegsauszeichnungen aufs Rathaus kam und sagte: Was macht ihr, dieser Mann hat im Ersten Weltkrieg für Deutschland gekämpft, er bekam diese Orden!“ (. . .) Der amüsantere Teil dieser Geschichte ist, wenn jemand in dieser Nacht nicht zu Hause war, dann wurde er am nächsten Tag auch nicht verhaftet. Und dann wurden sie ins KZ Dachau transportiert, nur weil sie Juden waren, aus keinem anderen Grund.“
 

Die Emigration

Der Entschluss zur Emigration fiel in der Familie erst Anfang 1938 und hatte, als sie Ende 1939 dann gelang, mehr den Charakter einer Flucht als einer geregelten Auswanderung. Zusammen mit 15 anderen Familienvätern wurde auch Hermann Obernauer in der Pogromnacht verhaftet, von der SA gedemütigt und danach in das KZ Dachau verschleppt. Als letzter der Laupheimer KZ-Häftlinge wurde er erst am 4. Februar 1939 entlassen, nachdem er, wie die anderen auch, zugesichert hatte, sich um eine Auswanderung zu bemühen.

Unmittelbar nach der Entlassung aus Dachau strebte die Familie ein zweites Mal eine Auswanderung nach den USA an. Ein erster Versuch, Einreisevisa zu bekommen, war vor der KZ-Haft an der Gesundheitsuntersuchung im US-Konsulat in Stuttgart gescheitert. Der damals festgestellte Hinderungsgrund, ein Leistenbruch des Vaters, war inzwischen operativ behoben worden, und sie konnten auch die notwendigen Affidavits, Bürgschaftserklärungen von US-Bürgern für Neueinwanderer, vorlegen. Ein Verwandter der Mutter namens Baum und Carl Laemmle hatten der Familie Obernauer die lebensrettenden Papiere ausgestellt. Im Sommer1939 erhielten sie nach einer erneuten, diesmal bestandenen Prüfung vom Stuttgarter US-Konsulat die Einreisevisa, die bis November gültig waren. Im September 1939 sollte die Ausreise über den französischen Hafen Le Havre erfolgen –, doch am 1. September 1939 überfiel Hitler Polen und seit dem 3. September war auch zwischen Deutschland und Frankreich Krieg. Der beginnende Zweite Weltkrieg hatte die Ausreise erneut unmöglich gemacht.

Diese Entwicklung führte bei Hermann Obernauer zu einer panikartigen Kurzschlussreaktion. Obwohl die Abreise noch nicht unmittelbar bevorstand, packte er mit seiner Familie das Allernotwendigste zusammen, um mit dem Zug überstürzt und alles zurücklassend nach Frankreich zu fahren. Nur weil sein Bruder Max sie auf dem Weg zum Bahnhof traf und ihnen mit klaren Worten die Sinnlosigkeit des Vorhabens erläuterte sein Bruder sei wohl verrückt geworden, wie er auf die Idee komme, jetzt noch über die deutsch-französische Grenze zu kommen –, kehrten sie wieder um. Nach verzweifelten Erkundigungen in ganz Deutschland fand sich schließlich eine Möglichkeit, über Italien Deutschland zu verlassen. Eine Stuttgarter Organisation besorgte ihnen Tickets für das Schiff Volcania“, das am 23. Oktober 1939 von Genua mit Kurs New York auslaufen würde.

Weil sich die Abreise immer wieder verzögerte, lebte die Familie ein halbes Jahr als Mieter in ihrem eigenen ehemaligen Haus, das sie weit unter Wert hatten verkaufen müssen. Der Hausverkauf war Anfang 1939 notwendig geworden, da die Familie keine anderen Einkünfte mehr hatte. Doch auch das wenige Geld, das von dem Verkauf noch übrig war, durften sie nicht mitnehmen, als sie am 21. Oktober Laupheim schließlich für immer verließen: Mit drei Dollar und 15 Lire in der Tasche, drei großen Koffern und vierzig Mark, die so gut versteckt waren, dass sie der deutsche Zoll nicht fand, führte sie die Reise über Stuttgart, München, Mailand nach Genua, wo sie planmäßig mit dem Schiff abfuhren und nach einer zehntägigen Reise in New York ankamen. Auf dem Bahnhof in München hatten sie die Eltern der Mutter, die zum Abschiednehmen aus Bamberg angereist waren, zum letzten Mal gesehen: Sie wanderten, wie eine ganze Reihe weiterer Verwandter, nicht aus und wurden wenig später Opfer des Völkermords.

 

Neuanfang in den USA

Das Schiff Volcania“, auf dem sich überwiegend jüdische Emigranten befanden, verließ den Hafen Genua am 23. Oktober 1939. Damit hatte es die Familie Obernauer gerade noch geschafft, denn ihre Visas für die USA wären nur noch einen Monat, bis Ende November, gültig gewesen. Nach einer zehntägigen Reise kamen sie wohlbehalten am 4. November in New York an, wo Cousine Gertrud Eppstein sie schon am Hafen erwartete. Ihre Familie und die jüdische Hilfsorganisation „National Refugee Service“ waren bei der Zimmer- und später der Job-Beschaffung unterstützend tätig.

Ab Weihnachten mussten die beiden Kinder zur Schule gehen, meist in Schulen mit schwarzen Schülern und Lehrern. Bei Paul lief das Englischlernen problemlos, Ralf hatte größere Schwierigkeiten. Zur Bar-Mizwa-Feier erhielt Paul im Winter 1943 einen Chemie-Experimentierkoffer, was seinen Neigungen sehr entgegenkam. Später studierte er Pharmazie und führte dann eine eigene Apotheke in New Jersey. 1959 heiratete Paul Obernauer Phyllis Miller aus Brooklyn, drei Töchter gingen aus der Ehe hervor. Die 1961 geborene älteste Tochter Audrey Obernauer-Cope stellte die Fotos dieses Berichts zur Verfügung.

Ralf Obernauer diente nach der Schulzeit längere Zeit bei der US-Armee und wurde 1953 nach Europa versetzt. Diese Chance nutzte er und besuchte im Jahr 1953 als US-Soldat seine Geburtstadt Laupheim. „Es hat sich gar nichts verändert, Laupheim sieht genau gleich aus wie früher“, berichtete er nach Hause. Eine Laupheimerin erkannte ihn wieder und sprach ihn an, doch mehr ist über diesen frühen Besuch leider nicht überliefert.

Paul Obernauer kam erst 1986 erstmals wieder zu Besuch nach Laupheim. Seine Tochter Audrey jedoch begann schon als 17jährige Schülerin, im Jahr 1978 zur Stadt ihrer Vorväter wieder Kontakte aufzubauen, die bis heute gepflegt werden. Ihr Foto illustrierte einen Bericht der „Schwäbischen Zeitung“ über ihren ersten Besuch in Laupheim im Juli 1978.

Foto: Audrey Obernauer-Cope

1) Quelle: Autobiografie Paul Obernauers, englisch, maschinenschriftlich, 59 Seiten. Die Zitate in den Kästchen sind eigene Übersetzungen daraus (K.N.). Die Fotos zu diesem Kapitel stellte Audrey Obernauer-Cope, eine in Kanada lebende Tochter Paul Obernauers, freundlicherweise zur Verfügung.


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