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Die jüdische Gemeinde Laupheim und ihre Zerstörung

Gedenkbuch Seiten 456 - 460 

ROSENBERGER, Samuel,

Oberlehrer a.D., Radstraße 20

 

KARL NEIDLINGER

Samuel Rosenberger, geb. 24. 4. 1861 in Oberdorf, gest. 6. 11. 1939 in Stuttgart OO (Heirat am 26. 8. 1890 in Niederstetten) Babette Rosenberger, geb. Bierig, geb. 19. 2. 1864 in Edelfingen, gest. 20.3. 1942 im Sammellager Dellmensingen.
Rosa, geb. 17. 9. 1891 in Thalheim, ledig, am 1. 12. 1941 nach Riga deportiert und dort ermordet,
Frieda, geb. 30. 3. 1893 in Thalheim, ledig, 1942 ermordet (Ort unbekannt),
Saly, geb. 4. 9. 1896 in Öhringen, ledig, gest. 13. 6. 1935 in Laupheim. 

(Archiv Theo Miller)

Zum Schuljahr 1909/10 stand in der abgebildeten Israelitischen Volksschule in der Radstraße wieder einmal ein Lehrerwechsel an. Der Junglehrer Bernhard Sichel wurde wegversetzt, auf ihn folgte der 48jährige Samuel Rosenberger. Mit seiner fünfköpfigen Familie zog er im Herbst 1909 in die Lehrerwohnung im Schulhaus ein.

Für die stark zurückgehenden Schülerzahlen der jüdischen Gemeinde war das 1868 errichtete stattliche Schulgebäude inzwischen viel zu groß. Bis zum Neubau in der Rabenstraße 1911/12 waren daher stets auch Klassen der Latein- und Realschule hier untergebracht. Später waren Teile des Hauses auch an diverse Gewerbetreibende vermietet. Samuel Rosenberger blieb noch lange nach seiner Pensionierung, die spätestens 1925 erfolgte, mit seiner Familie im Schulhaus wohnen. Erst im September 1938 zog die Familie nach Stuttgart weg, wo der Vater ein Jahr später verstarb und auch begraben wurde.

Nur noch 15 Schüler umfasste die einklassige Schule zum Schuljahresende 1908/09, bevor Samuel Rosenberger seinen Dienst in Laupheim begann. Danach, während seiner Zeit, wurden solche Klassenfotos offenbar nicht mehr gemacht, zumindest sind keine erhalten.

Israelitische Volksschule Laupheim mit Lehrer Bernhard Sichel, 1909.

(Leo-Baeck-Institut, NY)

Die Namen der abgebildeten Schüler, von links:
Obere Reihe: Julie Nördlinger, Marie (Mina) Friedberger, Emmy Heumann, Recha Schmal.
Mitte: Hilda Einstein, Mina Lämmle, Fredel Nathan, Hermann Nördlinger, Gretel Gideon, Theodor Einstein, Poldele Friedberger.
Sitzend: Selma Wertheimer, Geddi Löwenthal, Hermine Wertheimer, Sophie Einstein.

 

Aus der Bergmann-Großfamilie haben zahlreiche Kinder ihre Grundschulzeit bei dem Lehrer Rosenberger verbracht. In den in Buchform vorliegenden Erinnerungen sowohl von Gretel als auch von John H. Bergmann ist er daher ausführlich charakterisiert und in beiden Quellen kommt er nicht gut weg. Besonders hart hat Gretel Bergmann geurteilt, doch hat sie unter dem damaligen Schulsystem insgesamt ziemlich gelitten, nie ein Blatt vor den Mund genommen und vielleicht auch ein wenig überzeichnet. Gretel Bergmanns Erinnerungen an ihre Laupheimer Grundschulzeit:

„Ich glaube wirklich, dass man in die Kleinstädte nur die schlechtesten Lehrer schickte, und kann wahrheitsgemäß sagen, dass ich in all meinen Schuljahren nur zwei relativ anständige Lehrer gehabt habe.
Das Laupheimer Schulsystem hatte seine Besonderheiten: katholische, protestantische und jüdische Kinder besuchten in den ersten drei Jahren jeweils eigene Konfessionsschulen. Danach wechselten einige auf weiterführende Schulen, der Rest blieb bis zur achten Klasse zusammen und ging dann in die Lehre oder zur Arbeit.
Die jüdische Schule war einklassig; ich glaube kaum, dass es je mehr als zwanzig Schüler gab. Es kommt mir geradezu unglaublich vor, dass wir in den ersten drei Jahren überhaupt etwas gelernt haben. (. . .)
Man muss kein Anhänger Sigmund Freuds sein, um zu erkennen, dass mit einem Lehrer, der einen Wutanfall bekommt, wenn er das Wort ,Kind’ hört, etwas nicht stimmen kann. Sobald die Langeweile unerträglich wurde, brauchte nur jemand das verhasste Wort zu rufen, und schon begann die Jagd. Der Übeltäter rannte durch den Raum, der Lehrer, den Stock in der Hand, hinterher. Kam die unheilverkündende Hand dem Flüchtenden zu nahe, erscholl das Reizwort aus einer anderen Ecke des Raums, und wie ein verwundeter Stier jagte der Lehrer hinter dem neuen Übeltäter her, bis er schließlich völlig erschöpft aufgab.
Denkwürdig war vor allem der Hygieneunterricht. Unser Lehrer hielt tägliches Zähneputzen für Zeitverschwendung. Er machte uns vor, wie er sich mit der Zunge über die Zähne fuhr, und erklärte, das sei sehr viel nützlicher als Bürsten. Da seine vernachlässigten Zähne fast schon moosgrün waren, kamen wir nicht in Versuchung, diese verkürzte Säuberungsmethode zu übernehmen. (. . .) Wollte dieser sogenannte Erzieher etwas von unseren Tafeln, die wir statt Papier benutzten, entfernen, dann spuckte er einfach darauf. (. . .) Der Lehrer hatte außerdem die abstoßende Gewohnheit, sich mit unseren Griffeln die Ohren zu säubern. Wenn mein Griffel dieser Ohrenuntersuchung zum Opfer fiel, warf ich ihn mit aller Kraft auf den Boden, obwohl ich wusste, dass mir das einen scharfen Schlag mit dem stets griffbereiten Stock auf die Handfläche eintrug. (. . .)
Das jüdische Gesetz hat eigene Vorschriften für die Schlachtung, damit das Fleisch koscher wird. Dafür war der ,Schochet’ zuständig, und dieses Amt versah bei uns der Lehrer. Es kam oft vor, dass jemand während der Schulstunden ein Huhn brachte, um es nach dem korrekten Ritual schlachten zu lassen. Der Lehrer rief dann: ,Wer will das Huhn festhalten?’ Er glaubte, den Freiwilligen damit eine besondere Ehre zu erweisen. Das Töten selbst geschah barmherzigerweise im Hof, und es war ein beeindruckender Anblick, wenn er, das lange, blutige Messer zwischen den Zähnen, mit blutbefleckter Kleidung zurückkehrte.
Zur Aufbesserung seines zweifellos mageren Gehalts hielt er Hühner. Sie waren überall, auf dem Flur genauso wie auf dem Rasenstück neben dem Schulgebäude, das uns als Schulhof diente. Und da sie unersättlich pickten, entleerten sie sich dort, wo wir in den Pausen spielen sollten.“

 

Gretel Bergmanns Cousin John H. Bergmann urteilt etwas milder, bestätigt aber die abstoßenden hygienischen Gewohnheiten Rosenbergers. Er sei eben ein Landlehrer gewesen, der in die städtisch geprägte Gemeinde Laupheim nicht gepasst habe:

 „Rosenberger sah sich oft starker Kritik als unfähiger Lehrer ausgesetzt, was wohl stimmte. Aber Tatsache bleibt, dass viele seiner Schüler, die seine Schule verließen, zufriedenstellend Hebräisch lesen und schreiben konnten und gut bewandert in religiösen Angelegenheiten waren. (. . .) Er ließ seine Töchter Klassen betreuen, wenn er andere religiöse Funktionen ausüben musste (. . .) und wenn er in die Klasse mit dem Schochet-Messer im Mund zurückkehrte, konnte er sicherlich kritisiert werden, ebenfalls wegen seines großzügigen Umgangs mit der Rute. (. . .) Jedoch zählten die meisten jüdischen Kinder, als Ergebnis seiner Erziehung oder auch nicht, zu den Klassenbesten, wenn sie in die weiterführende Schule kamen. Es ist schwer zu sagen, ob es trotz oder wegen ihm war.

 

Von der Familie und den drei Kindern der Rosenbergers ist kaum etwas bekannt. Saly, die jüngste der drei Töchter, ist im Friedhofsbuch irrtümlich als Junge vorgestellt (Seite 512, Grab S 27/15). Sie starb schon im Jahr 1935 und ist daher in Laupheim beerdigt worden. Auf dem Foto der Frauenarbeitsschule aus dem Jahr 1913, wo sich schulentlassene Mädchen aller Konfessionen am Sonntagnachmittag zu hauswirtschaftlichen Kursen trafen, steht Saly in der ersten Reihe, mit den anderen stolz die selbst angefertigten Taschen präsentierend.

Von den älteren beiden Töchtern, von Rosa und Frieda, hat sich in Ernst Schälls Archiv ein originelles Foto erhalten. Alle drei blieben ledig, sicher auch deswegen, weil sie den vom Ersten Weltkrieg am stärksten dezimierten Jahrgängen angehörten.

M. Wächter, Saly Rosenberger, Mina Friedberger.

(Braun, Altlaupheimer Bilderbogen, S. 61)


Rosa und Frieda Rosenberger.

(Archiv Ernst Schäll)

Von Rosa, der Ältesten, ist bekannt, dass sie am 1. 12. 1941 von Stuttgart aus der Deportation nach Riga zugeteilt wurde, wo sie zu einem unbekannten Zeitpunkt ermordet wurde. Die gleiche Fahrt in den Tod mussten auch zahlreiche früheren Bekannte von ihr aus Laupheim mitmachen. Weder Ort noch Zeit sind über den Tod der jüngeren Schwester Frieda bekannt, nur die Tatsache, dass auch sie ein Opfer der Shoa wurde.

Die 78jährige Mutter Babette schließlich verschleppten die Planer des Völkermords im März 1942 wieder ganz in die Nähe ihrer alten Heimat Laupheim, in das Sammellager Dellmensingen (s. S. 251). Ein gnädiges Schicksal bewahrte sie vor weiteren Deportationen, schon wenige Tage nach ihrer Ankunft verstarb sie dort. So erhielt sie wenigstens noch ein Grab auf dem jüdischen Friedhof Laupheim, das allerdings erst nach dem Krieg als solches hergerichtet und mit einem Grabstein versehen wurde.

  

 

Quellen:

Gretel Bergmann: „Ich war die große jüdische Hoffnung“. Erinnerungen einer außergewöhnlichen

Sportlerin. Hrsg: Haus der Geschichte Baden-Württemberg, 2003, S. 43–45.

John H. Bergmann: „Die Bergmanns aus Laupheim“. Eine Familienchronik. Hrsg. Karl Neidlinger, Laupheim, 2006, S. 66 f.

Nathanja Hüttenmeister: „Der jüdische Friedhof Laupheim“, Laupheim 1998, S. 512. John-Bergmann-Nachlass, Stadtarchiv Laupheim.

 

 

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